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Naturkosmetik-Wissen

„Wir bleiben ihnen treu“

Wilder Berglavendel aus den Cevennen (© Farfalla essentials AG)
(© Farfalla essentials AG)
Im Hochland der französischen Cevennen: Die junge Sammlerin Aude transportiert ein riesiges Bündel wilden Berglavendel. (© Farfalla essentials AG)

Bio-Zutaten und ein fairer Umgang mit Bauern und Erzeugern sind Natur-kosmetik-Herstellern wichtig. Dazu gehört auch, den Partnern in schweren Zeiten zu helfen. Wie, zeigen hier zwei Projekte. // Astrid Wahrenberg

Wilder Berglavendel aus den Cevennen

Aude geht in die Knie, greift nach den zarten Halmen mit den duftenden blauen Ähren, schneidet sie mit einer Sichel ab, legt den wilden Berglavendel zu den anderen Blüten in ein betttuchgroßes Stofftuch, schlägt es zusammen und läuft damit weiter bis zur nächsten Pflanze. Den ganzen Tag geht das so, viele Hundert Male bücken, schneiden und kilometerweit laufen. Dann geht es mit der Last – das Bündel auf dem Rücken geschultert oder auf dem Kopf balancierend – bis zu einem schmalen Weg, wo der kleine Lastwagen gerade noch hinfahren kann.    

Aude ist mit zehn weiteren Frauen auf den kargen Hochebenen der Cevennen unterwegs, wo der wilde Lavendel von Juli bis September blüht. Die Frauen haben Sicheln, Schleifsteine, Körbe, Tücher  und Lebensmittel für eine Woche dabei, außerdem eine Notfallapotheke und Lavendel-Essenz, um Bienenstiche zu behandeln. Sie schlafen dort oben in Zelten oder einfachen Hütten.

Jeden Morgen schwärmen die Sammlerinnen in alle Himmelsrichtungen aus. Die Arbeit unter der sengenden südfranzösischen Sonne in bis zu 1 200 Meter Höhe ist mühsam und anstrengend und kein Vergleich zur Ernte in den Lavendelfeldern in der Provence, wo Maschinen zum Einsatz kommen. Häufig treffen sie keine Menschenseele, dafür stehen sie manchmal plötzlich inmitten Hunderter Schafe oder Ziegen, die hier oben weiden. Die Hochebenen der südfranzösischen Cevennen sind ein wildes Naturparadies mit tiefen Schluchten, Bergen und Wäldern, in denen Wolf, Biber und Luchs zu Hause sind.

Vertrauen statt Vertrag

Bis vor dem 2. Weltkrieg brachten Bergbauern, Schäfer und Hirten den wilden Lavendel zum Destillieren in die kleinen Dörfer. Danach pflegten nur noch wenige diese Tradition, darunter Claire Moucot aus dem Bergdörfchen St. Croix. Als Jean-Claude Richard von Farfalla die „Pflanzenflüsterin“, wie er sie nennt, vor rund 31 Jahren persönlich kennenlernte, besiegelte er sofort per Handschlag eine  Zusammenarbeit, die bis heute ohne Vertrag funktioniert.

Die erste Probedestillation des  Lavendelöls nach rund vierzig Jahren war damals eine Sensation. „Von überall her strömten Menschen auf den Dorfplatz von St. Croix, viele Ältere erzählten, wie man das früher gemacht hat“, sagt Richard. Eine Frau wusch ihre Wäsche nach altem Brauch im Lavendelwasser, das während des Destillationsprozesses entsteht. Warmes Wasser war früher rar und teuer, außerdem roch die Wäsche anschließend fein und hielt die Motten fern. 

Schlechte Ernte, höherer Preis

Die Pflanzenflüsterin Claire Moucot ist mittlerweile in Rente. Ihre Nachfolgerin ist Anne-Claire Bureller, selbst eine erfahrene Sammlerin. Für die Frauen bedeutet die Ernte der wilden Pflanzen eine wichtige Einkommensquelle in der dünn besiedelten, landwirtschaftlich geprägten Region. Außer wildem Berglavendel sammeln sie auch Bergwacholder, Douglastanne, Zypresse, Kiefer, wilden Rosmarin und andere Kräuter. „Les femmes“ (Die Frauen), wie das Projekt in der Region heißt, verkaufen einen kleinen Teil der Ernte in einem kleinen Laden in St. Croix sowie auf Märkten der Gegend. Alles andere verkaufen sie komplett an Farfalla.

Das Unternehmen zahlt in Jahren mit schlechter Ernte sogar einen noch höheren Preis, um die Frauen für die harte Arbeit zu entschädigen. „Wer einmal selbst mit geerntet hat, der weiß, dass der hohe Preis zweifellos gerechtfertigt ist“, sagt Richard. In guten Jahren liegt die Ernte bei 8000 Kilo Berglavendel. Daraus entstehen 50 bis 60 Kilogramm ätherisches Öl, das entsprechend wertvoll ist. Die Kunden wissen das zu schätzen: Das kostbare Öl gehört zu den beliebtesten im Sortiment der ätherischen Öle.

Die traditionellen Aleppo-Seifen ... (© Treibholz)
... werden von Hand geschnitten. (© Treibholz)
Dann prüfen und stapeln Talals Mitarbeiter die frischen Stücke. So trocknen und reifen sie, bis zu neun Monate lang (© Treibholz)
(© Treibholz)

Seife aus Aleppo

Krieg in Syrien – dafür steht wie kaum ein anderer Ort die Region und gleichnamige Stadt Aleppo. Zweieinhalb Millionen Menschen lebten einst in der blühenden Wirtschaftsmetropole. Sie liegt in Schutt und Asche, unzählige Menschen starben und sterben jeden Tag.

Aleppo – das ist die Heimat von Talal Anis und seinem Bruder Feras. Die beiden Syrer betreiben dort bereits in dritter Generation eine Seifensiederei.

Seifen, wie wir sie kennen, wurden in Aleppo im 7. Jahrhundert nach Chris-tus quasi erfunden.  Von hier eroberten die festen Seifenstücke zunächst den angrenzenden Orient, dann Europa und später die ganze Welt.

Traditionelle Seife aus Aleppo ist ein Naturprodukt aus Oliven- und Lorbeeröl. Sie sorgt für Rückfettung der Haut, das Lorbeeröl wirkt antiseptisch. Die Seifen entstehen von jeher in Handarbeit und müssen bis zu neun Monate reifen. Dadurch werden sie fester, ergiebiger und lange lagerfähig.

Noch 2010 gab es in Aleppo um die 150 bis 200 Seifensieder. Inzwischen sind die meisten der traditionsreichen Werkstätten zerstört oder nicht mehr zugänglich. Die wenigen noch verbliebenen Seifensieder, darunter die Familie Anis, helfen sich und arbeiten zusammen.

Der deutsche Bio-Pionier Treibholz mit der Naturkosmetik-Marke Finigrana spielt eine wichtige Rolle dabei.

Seife in Sicherheit bringen

Seit mehr als zehn Jahren verkauft Talal seine für Deutschland und Europa bestimmten Aleppo-Seifen ausschließlich an ihn. „Wir arbeiten eng zusammen, haben beispielsweise alte Rezepte wiederbelebt, wie die Seifen mit roter Tonerde aus der Region oder Olivenölseifen mit ätherischen Ölen aus Deutschland“, sagt Gabriele Krüger aus der Geschäftsleitung. Kurz nach Kriegsbeginn bat der Syrer den deutschen Geschäftspartner um Hilfe. „Talal hat gefragt, ob er seine in Aleppo gelagerten Seifen in unserem Lager in Deutschland in Sicherheit bringen darf – was für uns selbstverständlich war“, sagt Treibholz- Geschäftsführer Bernhard Bauer.

Neubeginn nach der Flucht

Talal konnte 2012 mit seiner Familie in die Türkei fliehen, wo er jetzt lebt und arbeitet. In Gaziantep, das auf türkischem Boden liegt, geografisch aber zur Region Aleppo gehört, hat er eine alternative Seifensiederei aufgebaut, wo für Finigrana Haarseifen entstehen.

Sein Bruder Feras Anis blieb in Aleppo, wo er das Familiengeschäft unter allerschwierigsten Bedingungen fortführt und weiterhin regelmäßig Container mit Aleppo-Seifen an den Partner Treibholz exportiert. Durch den Rückhalt des deutschen Handelspartners haben bis zu 35 Menschen und ihre Familien in Gaziantep und der Stadt Aleppo ein Auskommen und eine Zukunftsperspektive. „Wir halten Talal Anis und seinem Familienunternehmen die Treue“, sagt Gabriele Krüger von Treibholz. Sie bedankt sich auch im Namen der Seifensieder von Aleppo für jedes verkaufte Seifenstück, das ein Stück Solidarität mit den Menschen dort bedeute.

Man arbeite derzeit an neuen Seifenrezepturen mit Bio-Rohstoffen, dafür sucht Talal gerade nach Bio-Olivenölbauern in der Türkei. Seine Gedanken aber sind oft anderswo: Er hoffe und träume jeden Abend vom Frieden und der Rückkehr in die Heimat, schrieb er kürzlich seinem deutschen Geschäftspartner. 


Der Beitrag beschreibt die Seifenproduktion in Aleppo bei Redaktionsschluss Ende September. Die Situation kann sich wegen des Krieges leider jederzeit ändern.