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Eco Fashion & Lifestyle

Alles ganz einfach, oder?

 


 
SABINE KUMM

Unsere Autorin Sabine Kumm ist Journalistin und freie Autorin. Sie hat zwei Kinder und lebt mit Mann und Hund Honey in der Nähe von Frankfurt.


Da stehe ich nun, mit ausgeschaltetem Motor. Fette Tropfen prasseln gegen die Windschutzscheibe, das Schild vor mir ist durch den Regen kaum zu erkennen: „Kleingartenverein Morgensonne“. Scheint, als hätte das Leben heute Humor.

„Der Weg zu mir? Ist ganz einfach!“, hat Heike ges-tern am Telefon gesagt. „Bei der Polizei links, beim Autohaus rechts, dann über die kleine Brücke, rechts, und die zweite dann wieder rechts, dann stehst du direkt vor unserem Haus!“ Einleuchtend wie die Morgensonne. Zu simpel, um extra das Navi zu programmieren oder noch mal einen kurzen Blick auf den Stadtplan zu werfen.

Es donnert. Irgendjemand da oben fragt sich wahrscheinlich, warum ich nicht auf dem richtigen Weg bin. Wo der doch so einfach ist.

Der Feldweg weicht immer mehr auf. Bald werde ich hier nicht mehr rauskommen, werde in einem der Zwergenhäuschen der Kleingartenanlage Schutz suchen müssen, zwischen Blumenrabatten und säuberlich aufgereihten Tomatensträuchern, während das Wasser immer höher steigt.

Gestrandet wie Robinson Crusoe

Und irgendwann, wenn meine Haare schon bis zu den Hüften reichen und alle Tomaten aufgegessen sind, kommen sie dann zu meiner Rettung, wie bei Robinson Crusoe. Ich kann mir schon die erste Frage vorstellen: „Warum sind Sie damals nicht einfach zu Heike gefahren?“

Es schüttet wie aus Kübeln. Ich zücke das Handy und rufe Heike an. „Wo bist du?“, fragt sie. „Rate mal! Ist ganz einfach!“, antworte ich zickig. „Was? Ich kann dich nicht verstehen!“ Wir brüllen gegen das Rauschen des Gewitters an. „Bist du denn nicht über die Brücke gefahren?“ „Doch, gleich hinter dem Blumenladen!“ „Aber das ist doch die große Brücke! Ich habe die kleine neben dem Fahrradweg gemeint …“

Vor mir bricht ein Wildschwein aus dem Gebüsch. Es schaut mich ein bisschen verächtlich an. „Was, du hast Heike nicht gefunden?“, scheint sein Blick zu sagen. „Ist doch ganz einfach …“ Ein Blitz zuckt über den Himmel, wie eine Erleuchtung. Und auf einmal geht auch mir ein Licht auf: „Einfach“ – das ist immer eine Falle. Entweder man löst die Aufgabe und es ist nichts Besonderes, oder aber man scheitert und stellt damit seine abgrundtiefe Dämlichkeit unter Beweis.

Einfach nur rumprobieren ...

„Die neue Fernbedienung? Du musst einfach nur ein bisschen rumprobieren!“ „Gestreifte Regenbogentorte? Da klickst du einfach dieses Anleitungsvideo auf Youtube an.“ Und schon findest du dich schneller, als du denkst, vor einer Fernsehsoap in arabischer Sprache wieder, mit einem lebensmittelgefärbten Stück Kuchen in der Hand, das aussieht, als hätte Picasso persönlich in seiner quietschbunten Periode einen Böller darin gezündet. Auf jeden Fall fühlt sich das Ergebnis immer irgendwie schlecht an.

Fieses Psychowörtchen

Höchste Zeit, dass sich mal jemand wehrt – und dem fiesen Psychowörtchen das simplifizierende Handwerk legt! Denn nichts ist wirklich einfach. Wer einmal vor einer Kleingartenanlage dem sicheren Tod durch Ertrinken ins Auge geblickt hat, der hat sogar gesunden Respekt vor der Aufgabe, von A nach B zu fahren.

Ganz unter uns: Am Ende habe ich meinen Bestimmungsort doch noch gefunden, fragt Heike!

Mein Plan jedenfalls steht: Ich werde „einfach“ als „Unwort des Jahres“ vorschlagen. Bis zum 31.12. ist noch Zeit, ein Klick auf www.unwortdesjahres.net genügt. Ganz einfach.

 

Erschienen in Ausgabe 11/2014