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Auch schön ... Die cosmia-Kolumne: Rote Ampel, rote Lippen – und Rolf

Jutta Koch
Jutta Koch (39) ist Redakteurin
bei cosmia. Als Kolumnistin
erzählt sie aus ihrem Leben mit
Job, fünfjährigen Zwillingen und allem
Übrigen zwischen Wonne
und Wahnsinn.

Wenn ich ohne meinen Kollegen Rolf zur Arbeit fahre, dann gehts mir so: Ich sitze frühmorgens allein im Auto. Und das steht an einer roten Ampel. Ich habe Zeit. Aber was fange ich mit ihr an? Vor dieser Frage stehe ich oft. Zu Beginn meiner Strecke gibt es zwei Ampeln, und die zweite ist rot. Immer.

Was würde ein Achtsamkeitscoach raten? Soll ich die Wartezeit nutzen, um bewusst zu atmen? Soll ich lächeln – oder singen? Abgeraten wird ja bekanntlich davon, nach dem Handy zu angeln oder im Fußraum die Riemchen der Sandale zurechtzuzupfen: zu riskant für den Straßenverkehr. Neulich kam mir eine Idee, die eigentlich uralt ist: Bei Rot schminke ich mir jetzt die Lippen. Denn dazu fehlen mir in der morgendlichen Familien-Routine Zeit, Muße und Geduld. Die Rot-Phase aber, die gehört ganz mir. Tiptop. Bei Grün sehe ich jetzt immer frischer aus als vorher.

Noch schöner ist es aber, mit Rolf zu fahren. Denn das bedeutet, nicht allein im Auto zu sitzen, sondern sich Ampel-Wartezeiten und zurückgelegte Kilometer zu teilen. Neulich feierten wir Fahrgemeinschaftspremiere: Am Morgen nahm Rolf mich mit in den Verlag. Zuvor hatte er mich darum gebeten, in aller Frühe mit einer SMS daran erinnert zu werden, um nicht aus alter Gewohnheit ohne mich loszufahren. Klappte wunderbar.

Kurz vor Feierabend steckte ich den Kopf in sein Büro (wir sitzen Tür an Tür) und erinnerte ihn vorsorglich daran, dass ich auch mit ihm zurückfahren möchte. Er war sichtlich überrascht mich zu sehen: „Dich hätte ich jetzt vergessen!“ Wir einigten uns auf einen gemeinsamen Aufbruch in 60 Minuten.

Eine Stunde später hörte ich finales Tastenhämmern, Schlüsselklappern, Schritte auf dem inzwischen leeren Flur. Rolf! Er wird doch nicht ohne mich …?! Ich sprintete hinterher und rief ins Treppenhaus. „ROLF! Nimm mich mit!!!“ Er machte auf dem Absatz kehrt und gestand sofort: „Oh, dich hab ich völlig vergessen!“ Was würde der Achtsamkeitscoach dazu sagen?

Ich habe Rolf eine Tüte Vergissmeinnicht-Samen geschenkt. Wenn auch sie nicht dabei helfen, in seinem Kopf Wurzeln zu schlagen, schreibe ich ihm das nächste Mal eine Erinnerung. Mit meinem Lippenstift. Auf seine Windschutzscheibe.

Erschienen in Ausgabe 07/2018