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Ende gut, alles gut - oder nicht?

 


 
SABINE KUMM

Unsere Autorin Sabine Kumm ist Journalistin und freie Autorin. Sie hat zwei Kinder und lebt mit Mann und Hund Honey in der Nähe von Frankfurt.


Die Heldin rennt. Sie drängt sich durch die Menschenmenge der Großstadt, weicht hupenden Autos aus, versucht, den geliebten Mann nicht aus den Augen zu verlieren. Da, ganz weit vorne, sind das nicht seine breiten Schultern, die eben um die Ecke biegen? Sie schlüpft aus ihren hochhackigen Schuhen, sprintet weiter. Ihre Frisur hat sich aufgelöst, ihre Schminke ist verlaufen – ganz egal: Endlich weiß sie, zu wem sie gehört. Aber wird sie ihn noch kriegen?

Kitsch gegen Kino-Katastrophen

Klar wird sie! Deshalb haben Anna, Doro und ich ja extra diesen Film ausgesucht! Wir wringen unsere Taschentücher, greifen zum Prosecco, ohne unsere Augen vom Bildschirm zu lösen. Die Sache ist zwar spannend, aber Angst müssen wir nicht haben: „Ende gut, alles gut“ ist die Devise, wenn wir einmal im Monat die Wohnzimmer-Sitzlandschaft zum Schauplatz für Schmachtfetzen aller Art umfunktionieren. Dann wandert in die DVD-Schublade nur eine Sorte silberner Scheibchen: die mit der hausgemachten Happy-End-Garantie.

Die kennen Sie aus Ihrem eigenen Leben noch nicht? Kein Wunder, ist ja auch unser selbst erfundenes Wohlfühl-Zertifikat. Wir haben es nach dem besonders deprimierenden Besuch eines künstlerisch wertvollen, aber tragischen Kinofilms spontan entwickelt. Das Grundprinzip ist einfach: Die einzig wirksame Therapie gegen Krankheit, Katastrophen und tödliche Katharsis besteht noch immer in einer kräftigen Dosis Kitsch aus der Hausapotheke.

Tatsächlich brauchte es bei unserem ersten Versuch nicht einmal 20 Minuten Gruppenkuscheln vor einer Glotz-und-Glückskonserve, bis wir wieder in der Spur waren. Zwei Flaschen Sekt nicht zu vergessen. Sogar Doro, die bis dahin ein Friede-Freude-Eierkuchen-Ende einfach nur billig und trivial fand, fragte nach dem dritten Gläschen ungeniert nach alten Doris-Day-Filmen ... Grund genug, unseren kleinen Club zu gründen. Und wann immer wir es brauchen, die Welt zur Abwechslung mal durch eine rosa Happy-End-Brille zu betrachten.

Sind wir deshalb weniger realistisch? Zumindest haben wir Schauspieler und Filmemacher Til Schweiger auf unserer Seite: Im zweiten Teil seines Erfolgsfilms „Kokowääh“ lässt er die weibliche Hauptfigur zu ihrem Partner, dem Drehbuchschreiber, sagen : „Es gibt Geschichten, die haben kein Happy End, Henry!“ Und der antwortet trocken: „Das sind aber Scheiß- Geschichten.“ Dem ist nichts hinzuzufügen – am Ende liegen sich alle in den Armen und wir seufzen zufrieden ... bis zur nächsten Krise. Denn dass das Leben weder Ponyhof noch Rührschinken ist, wissen wir doch alle. Genau deshalb brauchen wir ja diese Momentaufnahmen, die die Mattscheibe für kurze Zeit in einen Märchenkasten verwandeln.

Magie zwischen Steigen und Fallen

„Na, und denn-?“, fragt Kurt Tucholsky in seinem Gedicht „Danach“, in dem er die deprimierende Geschichte nach einem Happy End erzählt. Dabei hat er nur vergessen, dass in dem magischen Moment des Glücks die Frage nach dem Danach überhaupt keine Rolle spielt.

Wie bei einem Parabelflug: Dabei steigt ein Flugzeug steil auf 10 000 Meter Höhe und geht dann abrupt in den Sturzflug über. Am höchsten Punkt der Parabel, dem Moment zwischen Steigen und Fallen, ist für kurze Zeit die Schwerkraft aufgehoben. Stephen Hawking, berühmtester lebender Physiker der Welt und seit über vier Jahrzehnten an den Rollstuhl gefesselt, hat vor einigen Jahren so einen Flug mitgemacht. Wer auf Fotos sieht, mit welch reiner Freude er frei von jeder Erdenschwere in der Kabine schwebt, der weiß, dass diese wenigen flüchtigen Sekunden für ihn genau so ein Happy End gewesen sind. Und dass sie ihn durchs Leben tragen – genau wie uns.

 

Erschienen in Ausgabe 11/2013