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Eco Fashion & Lifestyle

Es kann nur eine geben

 


 
SABINE KUMM

Unsere Autorin Sabine Kumm ist Journalistin und freie Autorin. Sie hat zwei Kinder und lebt mit Mann und Hund Honey in der Nähe von Frankfurt.


Die Geschichte ist bekannt: Liebliches junges Mädchen wird von älterer Frau, sprich Stiefmutter, verfolgt, weil die wegen ihr in puncto Schönheit nicht mehr die Nummer eins ist. Die entscheidende Rolle spielt ein Spiegel mit übertriebenem Ehrlichkeitsbedürfnis, der einfach seinen Mund nicht halten kann. Hätte es da nicht noch einen Prinzen und sieben kleine Männer hinter sieben Bergen gegeben, wäre die Sache ganz schön schiefgegangen. Aber das nur nebenher.

Warum ich das erzähle? Wahrscheinlich, weil ich sie sehr gut verstehen kann. Die Stiefmutter, meine ich − nicht die süße Kleine mit der Haut, so weiß wie Schnee, mit Lippen, so rot wie Blut, und Haaren, so schwarz wie Ebenholz. Die kann schließlich auch nichts dafür, dass ihr Schneewittchen-Look gerade so vampirmäßig in ist.

Aber im Ernst: Es gibt sie wirklich, diese Art von Frauen, die mit allem was sie tun, Erfolg haben. Die selbst ungeschminkt am frühen Morgen umwerfend gut aussehen und noch vor dem Frühstück ein ganzes Projekt konzipiert haben, während andere sich noch mühsam an ihre erste Tasse Kaffee klammern, um der menschlichen Sprache wieder mächtig zu werden. Die zwei Drittel der bestellten Familienpizza verdrücken und dabei seufzen: „Ach, ich kann essen, was ich will, ich nehme einfach nicht zu!“, während andere bereits aus allen Nähten platzen, wenn sie nur einmal an „Quattro Stagioni mit extra viel Käse“ gedacht haben.

Die Glückskinder verlieren ihren Job und finden innerhalb einer Woche einen neuen, bei dem sie das Doppelte verdienen. Sie werden für eine Filmrolle entdeckt, während sie auf die S-Bahn warten. Sie fah­ren ihr Auto in den Graben und lassen sich vom Mann ihres Lebens retten, der sich hinterher als reicher Erbe herausstellt, während andere von einem solchen Unfall nur nasse Füße und die niederschmetternde Erkenntnis mitnehmen, dass sie ihre Versicherung hätten rechtzeitig bezahlen sollen.

Ihr Glück sei ihnen gegönnt, inklusive Figur, Fleiß und fröhlicher Veranlagung. Auch wenn uns nichts weiter übrig bleibt, als sich in ihrer Gesellschaft wie miesepetrige Versager zu fühlen. Es kann eben – alte Fernsehweisheit – nur eine „Germany’s next Topmodel“ werden. Kein Wunder, dass wir da hin und wieder ein kleines bisschen Stiefmutter-Neid pflegen und ihr, wenn schon kein vergiftetes Apfelstück in den Hals, so doch hin und wieder einen Pickel auf die Nase wünschen.

Hätte allerdings der Spiegel seinen Job von vornherein richtig gemacht, wäre das alles gar nicht nötig. Mal ehrlich: Hinter irgendwelchen Bergen findet sich immer eine, die tausendmal schöner ist als wir. Warum also sollte das verflixte Ding einem das immer wieder unter die Nase reiben?

Besser wäre es doch gewesen zu sagen: „Frau Königin, Ihr seid nicht mehr die Schönste hier, aber Euern Stil macht Euch so schnell keiner nach!“ Oder: „Schaut Euch mal alte Bilder aus den Siebzigern an, da habt Ihr heute aber eine tausendmal schönere Frisur …“ Wie kritisch uns das Gesicht aus dem Spiegel entgegensieht, hängt doch am Ende nur davon ab, welche Vergleiche wir akzeptieren. Ist der Spiegel – die Frage sei erlaubt – vielleicht von den Prinzen dieser Welt bestochen worden, um die Damen mal so richtig aufeinander zu hetzen? Dann darf er sich nicht wundern, wenn wir ihn – mitsamt den Prinzen – ganz einfach fallen lassen.

Und Schneewittchen? Wenn sie nicht gestorben ist, dann tauscht sie noch heute mit der Königin nach Herzenslust Styling-Tipps aus.

Erschienen in Ausgabe 09/2010