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Eco Fashion & Lifestyle

Kolumne: Flirt mit dem Unmöglichen

 


 
SABINE KUMM

Unsere Autorin Sabine Kumm ist Journalistin und freie Autorin. Sie hat zwei Kinder und lebt mit Mann und Hund Honey in der Nähe von Frankfurt.


Ehrlich: Ich hasse Kofferpacken. Mag ja sein, dass die Sache leichter wird, wenn man wie Paris Hilton mal eben mit 19 Gepäckstücken nach Ibiza jettet. Für Normalos wie mich gilt jedoch die Ein-Koffer-Beschränkung – und damit die Qual der Wahl

„Ich packe meinen Koffer und nehme mit: Bikini, Hosen, Röcke, Blusen, Schuhe, Pullover, Sportsachen, Kosmetik, Tabletten, Lesestoff, Smartphone …“ – das ist kein Kinderspiel, sondern ein Casting nach knallharten Kriterien: Wer sich anpasst, vielseitig einsetzbar ist und keine Ansprüche stellt, darf bleiben – wer zu speziell oder zu schwer ist, fliegt raus. Fand ich eigentlich schon immer ungerecht.

Da stehe ich also wie gelähmt vor dem Bett und betrachte meine wild zusammengewürfelte „engere Auswahl“ an möglichen Urlaubsbegleitern. Wenn ihr wüsstet!

Noch drängeln sich Socken und Spitzenhemdchen, Leggings, Laufschuhe und Lippenstifte hoffnungsvoll um die aufgeklappte Hartschale. Doch bald schon werden die ersten Jacken und Pullover mit hängenden Ärmeln wieder in den anonymen Tiefen des Kleiderschranks verschwinden. „Ich habe heute leider kein Plätzchen für Dich …“

Listen soll ich machen, sagen die Experten. Alles abwiegen, von der Haarbürste bis zur Bodylotion. Nur dünne Bücher mitnehmen, Prioritäten setzen. Vernünftig sein.

„Nimm uns mit zur Cocktail-Bar!“

Aber könnte ich wirklich auf der Reise glücklich werden, wenn dafür mein alter Kumpel, der Kapuzenbademantel, geopfert werden müsste? Den ganzen Winter hat er durchgehalten, hat sich mit kurzen Besuchen unter Topfpalmen in der Therme zufriedengegeben und sich schon seit Wochen mit mir auf die Insel gefreut. Und nicht nur er:

„Nimm uns mit zur Cocktail-Bar!“, heulen die silbernen High Heels. „Wir tragen dich überall hin!“, versprechen die Sandalen. „Euch wollen wir mal auf dem Sandplatz sehen!“, ätzen die Tennisschuhe. „Ich bin unersetzlich!“, säuselt der Sonnenhut. „Mich brauchst du zum Kuscheln!“, brummt das XXL-Badetuch. „Ohne uns geht gar nichts!“, röhren die Jeans. Die Badetasche druckst herum, weil sie in ihrem geblümten Bauch ein paar blinde Passagiere versteckt hat, jeder davon superspannend und mindestens 1000 Seiten stark …

Ich seufze. EIN Koffer, Leute! Da helfen keine Ratschläge. Selbst wenn ihr gerollt statt gefaltet werdet oder ich mittels Vakuumierer die letzte Luft aus euch herauspresse, selbst wenn ich es schaffe, meine Schuhe mit Ladegeräten, Digicam oder seidenen Halstüchern auszustopfen, selbst wenn ich sämtliche Kleider zu einem großen Bündel aufwickle – es passt einfach nicht!

Alle oder keiner!

Und doch – ist nicht jeder Urlaub auch ein kleiner Flirt mit dem Unmöglichen, die Hoffnung auf ein Wunder? Ich meine, wie vernünftig ist das denn: Zwei Wochen Auszeit, und alles soll wieder gut sein?

Ach, was soll’s, rein mit euch – alle oder keiner! Kurzentschlossen ziehe ich den Bademantel über, stopfe Tennisschuhe und Bücher ins Handgepäck, setze den Sonnenhut auf, hänge mir die Kamera um den Hals. Und bin wenig später überrascht darüber, dass man durchaus die Schlösser zum Zuschnappen bringen kann, wenn man mit Wucht von der Kommode auf einen eigentlich viel zu vollgepackten Koffer springt – eine Sache, die sämtlichen physikalischen Gesetzen zuwiderläuft!

Aber wer weiß – vielleicht machen die ja auch gerade Urlaub…

 

Erschienen in Ausgabe 07/2015