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Eco Fashion & Lifestyle

Kolumne: Tatort Wohnzimmer

 


 
SABINE KUMM

Unsere Autorin Sabine Kumm ist Journalistin und freie Autorin. Sie hat zwei Kinder und lebt mit Mann und Hund Honey in der Nähe von Frankfurt.


Zeit, ein Geständnis abzulegen: Ich bin eine Serientäterin. Bevorzugt Sonntagabend, zwanzig Uhr fünfzehn, im heimischen Wohnzimmer. Deckname: Couch-Potato. Besonderes Kennzeichen: starrer Blick auf den Fernseher, von dem zu Klaus Doldingers Titelmusik das wohlbekannte Tatort-Auge zurückstarrt.

Ein hypnotisches Auge, das mir befiehlt, die Hände in das Schälchen mit dem Knabberzeug zu versenken und spätestens bei der ersten Leiche gnadenlos zuzuschlagen.

Kauend kombiniert sich’s leichter

Es ist ein Naturgesetz: Gewaltverbrechen machen den Abend erst dann so richtig gemütlich, wenn man sich mit angehaltenem Atem ein Bündel Salzstengel in den schreckgeweiteten Mund schieben kann. Leise Schritte auf knirschendem Kies fordern das Echo einer knisternden Knabbertüte geradezu heraus. Und die Faust des Kommissars, die punktgenau auf das Kinn des Gangsterbosses kracht, verlangt geradezu nach einem Mundvoll krachender Brezelchen.

Außer Haareraufen und Händchenhalten ist Kauen schließlich die einzige Bewegung, zu der wir beim Krimischauen in der Lage sind. Wer glaubt, das hätte mit hemmungsloser Genusssucht zu tun, irrt: Beim Kauen kombiniert sich’s einfach leichter, denn mahlende Kiefer pumpen Blut ins Gehirn – das ist sogar in Studien nachgewiesen worden. Außerdem sind Knabbereien gut fürs Gebiss, je kerniger, desto besser. Logisch: Wer knuspert, kann nicht mit den Zähnen knirschen, vermeidet Muskelkater, Kopfschmerzen, Verspannungen, Fingernägelkauen und den Genuss noch wesentlich ungesünderer Dinge.

Bleibt die Frage, warum es Flips und Co. noch nicht als „Medi-Chips“ oder „Ratio-Cracker“ in Apotheken zu kaufen gibt …

Vorerst jedenfalls finden wir das beste Sortiment im Bio-Laden: Dort sind die Knabbereien immerhin mit ökologischen Zutaten, Meersalz und ungehärtetem Pflanzenfett.

Auch wenn es natürlich noch gesünder geht: Für den kalorischen Gegenwert einer Tüte Kartoffelchips könnte der Wohnzimmertisch sich unter dem Gewicht von einem Pfund Bleichsellerie, einem Kilo Möhrensticks und einem Pfund Paprikastreifen biegen – und es würde sogar noch zu einem leichten Joghurt-Dip mit Schnittlauch reichen. Wer danach noch immer leichten Appetit verspürt, darf getrost ein zusätzliches Bund Radieschen und eine halbe Salatgurke hinterherschieben.

Aber wer will das schon, am Sonntagabend auf dem Sofa? Manchmal brauchen wir einfach die Freiheit zur Unvernunft. Knabbern entspannt nicht nur, es macht uns auch so herrlich böse. Denn der ganz besondere Reiz am massenhaften Vertilgen von Chips, Flips und Brezelchen besteht ja darin, sich gemeinsam mit den Fernsehschurken am Rande der Legalität zu bewegen.

Fettige Krümel statt Kohlrabi

Böse Buben oder Mädels kennen keine Kohlrabi, sie kleben fettige Krümel auf die Sofakissen. Einmal in der Woche werden sie zum Taco-Terminator, der sich verächtlich über Kalorienzählen und Cholesterinwerte hinwegsetzt.

Haben wir nicht das Recht auf ein wöchentliches Ausscheren aus der Realität, einen kleinen Protest mit Biss, das letzte bisschen Aufmüpfigkeit, das uns als gesundheitsbewussten, disziplinierten Essern noch geblieben ist?

Unvernünftig? Sie haben das Recht, zu schweigen!

 

Erschienen in Ausgabe 11/2015