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Eco Fashion & Lifestyle

Mit Harry in der Badewanne

 


 
SABINE KUMM

Unsere Autorin Sabine Kumm ist Journalistin und freie Autorin. Sie hat zwei Kinder und lebt mit Mann und Hund Honey in der Nähe von Frankfurt.


Es gibt Tage, da knirscht der Sand im Getriebe, jede Mücke wächst sich zum Elefanten aus, und abends hilft mir eigentlich nur noch eins: auf direktem Weg zum Badezimmer durchschlagen, noch bevor mich Mann oder Maus erwischen, Tür abschließen, Schlüssel im Wäschekorb versenken und „Wasser marsch!“

„Eupagurus bernhardus!“ heißt das Zauberwort, und das ist keineswegs ein Fluch aus einem der Harry-Potter-Romane, sondern die lateinische Bezeichnung für einen Einsiedlerkrebs. Der parkt seinen ungeschützten Hinterleib in Meeres­schneckenhäu-sern und wird, wenn er keines findet, schlicht und einfach aufgefressen. „Eupagurus bernhardus!“ Das bedeutet: „Mein Herz liegt blank, ich muss mir erst wieder ein passendes Häuschen suchen, sonst verschlingt mich das Leben. Ich brauche eine Maske, um mein verkrampftes Lächeln zuzuspachteln, eine Pflegekur für die Haare, die den ganzen Tag Haltung bewahrt haben, und eine Wanne voll Wärme und Wohlgefühl für meine stressgeplagte Seele. Das Zahnfleisch, auf dem ich nach Hause gegangen bin, lechzt nach einem Gläschen Sekt, und die einbetonierten Kiefergelenke nach Badewannen-Arien. Klopft nicht, fragt nicht und schiebt nichts unter der Tür durch, sonst: ‚Impedimenta!’ – lasse ich euch in Notwehr erstarren wie einen von Harrys knallrümpfigen Krötern!“

Da liege ich nun, mit Handtuchturban auf dem Kopf und Heilerde auf Stirn und Wangen, und lausche Puccinis „Nessun dorma“. „Ich lehne mich weit und tief zurück, genieße schaukelndes Möwenglück …“, dichtete schon Ringelnatz. Ich schließe die Augen und schaukle mit – seltsam nur, dass die Möwen so dringlich gegen die nächste Boje hämmern. „Schatz!“, rufen sie. „Schatz, wach auf!“ So klopft nur das Schicksal an die Pforte – oder mein Herzallerliebster an die Badezimmertür, wenn Tante Lotta am Telefon ihre Gallenbeschwerden erörtern möchte. „Ich bin auf See“, murmle ich schlaftrunken, da schiebt er schon das Handy unter der Tür durch. Wo ist Harrys Zauberstab, wenn man ihn braucht? Oder wenigstens die passenden Pflegeprodukte aus dem Reich der Magie?

Wie zum Beispiel die Bodylotion „Blanket“ so daunenweich, als würde man sich den ganzen Tag die Decke über den Kopf ziehen. Oder das neue Parfum „DD“. Ich sehe den Werbespot schon vor mir: Kate Moss und Naomi Campbell, wie sie diesseits und jenseits einer verschlossenen Tür lehnen. Jede hält ein Fläschchen in der Hand, dessen Verschluss wie eine vergoldete Stacheldrahtrolle geformt ist, und haucht bedeutungsschwanger: „DD – Don’t Disturb!“, von Giorgio & Army. Als Ergänzung gibt’s die Pflegeserie „No“ mit Tages- und Nachtcreme, Reinigungsmilch und klärendem Gesichtswasser. Außerdem „Limit“, der Deostift, der klare Grenzen schafft. Und wenn das alles nichts hilft, gibt es immer noch „Auszeit“­ – zwölf Ampullen im praktischen Geschenkset, bis März sogar mit einer Gratisprobe „Sendepause“ …

Ich bin dann irgendwann aufgewacht, als das Wasser kühler wurde, und das Handy, wie eine winzige Titanic, mit ersterbenden Lichtern auf dem Badewannenboden aufschlug. Aber ich glaube, ich habe es noch geschafft, Tante Lotta zu sagen, dass ich heute einfach meine Ruhe brauche – ganz ohne Flüche und magische Kosmetik. Grenzen ziehen müssen wir alle selbst – aber es schadet nicht, dabei besonders gut auszusehen.

Erschienen in Ausgabe 01/2008