Anzeige

Anzeige

Eco Fashion & Lifestyle

Prosit Neujahr, Paranoia!

 


 
SABINE KUMM

Unsere Autorin Sabine Kumm ist Journalistin und freie Autorin. Sie hat zwei Kinder und lebt mit Mann und Hund Honey in der Nähe von Frankfurt.


Ich bin sicher, es ist eine Verschwörung! Sie stecken alle unter einer Decke: mein Fahrrad, die Jeans, der Kühlschrank und die übrig gebliebenen Süßigkeiten von Weihnachten. Ganz zu schweigen von der Badezimmer-Waage, die schon immer etwas Hinterhältiges an sich hatte.

Sie warten nur auf ihr Stichwort

Tote Gegenstände? Dass ich nicht lache! Ich kenne sie genau: Sie arbeiten im Untergrund, sie ernähren sich von guten Vorsätzen, und sie wollen mich versagen sehen. Schon seit dem Knallen der ersten Sektkorken beobachten sie mich und warten nur auf ihr Stichwort. Schon ein einziges „Ich werde nicht mehr  …“ genügt, und Legionen von Sandkörnchen fluten das hoffnungsvoll geölte Getriebe meiner Neujahrs­ambitionen.

„Ab morgen werde ich nicht mehr mit dem Auto zur Arbeit fahren!“ „Pffft“ machen die schlappen Fahrradreifen und das Tretlager schaltet subversiv auf Widerstand. Spät dran bin ich sowieso, weil der Wecker – traditionelles Ehrenmitglied der Saboteursfraktion – mal wieder nur vornehm geflüstert hat. Wo war noch mal der Autoschlüssel?

Und dann der Kühlschrank! Selten hat mich ein Haushaltsgerät so ausgefuchst kaltgestellt wie er: Von einem Tag auf den anderen ist die Buttermilch verschwunden, durchgebrannt mit dem Magermilchjoghurt ins frostige Niemandsland der kalorienreduzierten Lebensmittel. Und Salat, Zucchini und die übrige halbe Ananas von der Silvesterbowle haben sie auch gleich mitgenommen.

Die Pralinen kichern blöde

Die Sahne dagegen steht ganz weit vorn in der Kühlschranktür, gleich neben Tiramisu und Leberwurst, als hätte irgendjemand an alles ab 30 Prozent Fettgehalt Gratiskarten in der ersten Reihe vergeben. Es muss der gleiche sein, der auch die Waage manipuliert hat, denn die übertreibt mal wieder maßlos. Als würde das nicht schon reichen, höre ich auch noch die Pralinen blöde, aber verführerisch vor sich hin kichern: „Nimm mich!“ Knopf und Knopfloch meiner Jeans kann ich leider nur noch getrennt voneinander befragen, ob ich das Angebot annehmen soll, denn seit den Feiertagen sind sie nicht dazu zu bewegen, sich auf mehr als fünf Zentimeter anzunähern …

Wer weiß, wer noch zu der Bande gehört? Der Computer bestimmt. Er ist zwar dumm, aber ein gewissenloser Intrigant. Je dringender ein Text geschrieben werden muss, desto zuverlässiger gibt er seinen Geist auf und macht Urlaub auf einer Insel im digitalen Bermuda-Dreieck seines verworrenen Innenlebens. Selbst schuld.

Abnehmen? Wollte ich noch nie!

So bin ich mal wieder dazu gekommen, in meinem Laotse-Büchlein zu blättern.

„Plane das Schwierige da, wo es noch leicht ist“, sagt der, und auf einmal wird mir klar, wie ich meinen Verfolgern ein Schnippchen schlagen kann! Ist doch logisch: Nur wer gute Vorsätze hat, kann daran scheitern. Man muss die inneren Saboteure ablenken, indem man sich mit winzigen Schritten unauffällig von der Seite anschleicht. Etwa so:

Abnehmen? Wollte ich noch nie! Aber nichts geht über einen leckeren Früchteteller zum Frühstück.

Trainieren? Damit kann man mich jagen! Aber heute scheint die Sonne und es könnte einfach Spaß machen, die ersten Anzeichen des Frühlings zu suchen.

Eine Kolumne schreiben? Nö, ich tippe nur mal kurz den ersten Satz … Alles andere findet sich – da, wo es noch leicht ist. Erstaunlich, wie viel man ändern kann. Ohne gute Vorsätze.

 

Erschienen in Ausgabe 01/2015