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„Selfies haben ein großes Potenzial für Widerstand“

Hengameh Yaghoobifarah
Hengameh Yaghoobifarah ist freie Journalistin,
Betreiberin des Fa(t)shion-Blogs
QueerVanity.com und Redakteurin beim
feministischen Missy Magazine.

Die Journalistin und Bloggerin Hengameh Yaghoobifarah über den Wandel der Schönheitsideale und die Rolle, die soziale Medien dabei spielen. // Johanna Emge

Wie tragen soziale Medien zu einem vielfältigeren Bild von Schönheit bei?

Soziale Medien bieten die einmalige Chance, abseits von Filmen, Serien, Werbeplakaten und Magazincovern Aufmerksamkeit auf bestimmte Phänomene oder Personen zu lenken. Wenn sich verschiedene Menschen zu einer Kampagne zusammenschließen, können sie durch die hohen Klickzahlen eine große Reichweite erzielen und realistischere Körperbilder streuen. Werkzeuge dafür sind Blogs, Hashtag-Kampagnen, Selfies, Videos, Podcasts und vor allem Kommentarfunktionen.

Welchen Einfluss hat das auf die Körperbilder, die viele klassische Medien transportieren?

Fast alles, was im Netz herumschwirrt, kann auch kommentiert werden. Das ist gleichzeitig ein Fluch und ein Segen. Letzteres, weil Kritik an große Medienhäuser oder Konzerne herangetragen werden kann. Diese fühlen sich dann für eine Stellungnahme verantwortlich, bestenfalls bringt der Druck von außen auch eine Veränderung mit sich.

Körperbilder aus klassischen Medien müssen auch benannt werden, denn sie legen sehr viele Normen fest: Schlanksein, weiß sein, wenig Körperbehaarung und eben auch keine sichtbare Behinderung zu haben. Dieses Bild ist dann ein Bezugspunkt für jede Alternative, die über soziale Medien verbreitet wird.

Warum sind Selfies dabei so ein wichtiges Instrument geworden?

Für sehr viele Menschen sind Selfies ein Zeichen von Narzissmus, Oberflächlichkeit, Künstlichkeit und Egoismus. Sie haben aber auch ein großes Widerstands­potenzial. Das Selbstbildnis hat es schließlich schon immer gegeben, nur findet es jetzt eine neue Form der Öffentlichkeit. Das ist einfach anders als vor zwanzig Jahren.

Warum sind sie so wichtig in den sozialen Medien?

Wenn Personen, die nicht in diese gängigen Schönheitsnormen reinpassen, immer wieder Fotos von sich posten und diese vermeintliche „Makellosigkeit“ nicht so stehenlassen, dann halte ich Selfies für eine subversive Strategie. Sie verhelfen zu mehr Sichtbarkeit, Vernetzung, Ermächtigung und einer selbst­bestimmten Repräsentation.

Welche Hashtag-Kampagnen waren in den letzten Jahren besonders bedeutend?

Hashtags wie #Fatshion, #EffYourBeautystandards, #Fatkini oder #Curvy richteten sich explizit an dicke Körper. Für viele Nutzerinnen war es ermächtigend, selbstbestimmt und selbstbewusst Fotos von sich zu veröffentlichen und den Schlankheitsnormen den Mittelfinger zu zeigen. Oft werden solche Hashtags auch von Promis gestartet, so waren es bei diesen auch angesehene Fatshion-Bloggerinnen wie Tess Holiday und Gabi Fresh. Die Filmproduzentin, Schauspielerin und Aktivistin Laverne Cox initiierte den Hashtag #TransIsBeautiful für transgeschlechtliche Personen. Auch  dort gab es sehr viele positive Rückmeldungen – und bei all diesen Aktionen leider auch Hasskommentare. 

Und wie ist mit Aktionen umzugehen, die perfektionistischen Körperidealen hinterherjagen?

Solche Trends können gefährlich sein, wenn jungen Menschen beigebracht wird, dass Körper irgendwas können sollten. Jede Person ist anders und hat unterschiedliche Fähigkeiten.

Die wenigsten können ihren Arm ein Mal komplett um sich herumschlingen und das ist auch gut so: Warum sollte das eine erlernenswerte Sache sein? Will ich wirklich Zeit und Geld darin investieren, meinen Körper weniger werden zu lassen, um mir den Arm drumwickeln zu können? Der Remix-Kultur des Internets sei Dank gibt es Gegenkampagnen, Satire-Versionen und andere witzige Ak­tionen gegen solche Trends.

Erschienen in Ausgabe 05/2016