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Fitness & Gesundheit

An die Wand, fertig, los!

© gettyimages-Hero Images

Hunderttausende Deutsche erklimmen in ihrer Freizeit künstliche Kletterwände. Wie sich das schwindelerregende Hobby anfühlt, hat unsere Autorin ausprobiert. // Astrid Wahrenberg

Wenn ich von Brücken nach unten schaue, wird mir im Magen flau. Trotzdem oder gerade deswegen habe ich mich heute mit meiner Freundin Andrea zum Indoor-Klettern verabredet. Sie litt unter extremer Höhenangst. Deshalb machte sie einen Kletterkurs, überwand ihre Angst und erlebte dabei den Nervenkitzel, den das Klettern ausmacht. Und jetzt kraxelt sie zweimal in der Woche in der Halle.

Andreas stramme Oberschenkelmuskulatur zeichnet sich unter dem weichen Stoff der Hose ab. Indoorkletterer schätzen die Bewegung in der Wand oft auch als Fitness-Workout, denn Klettern
fordert den ganzen Körper: Muskulatur, Beweglichkeit und Gleichgewichtsgefühl. Der Deutsche Alpenverein (DAV) schätzt, dass derzeit mindestens 500.000 Deutsche diesen Sport aktiv betreiben. Ich leihe mir an der Kasse einen Klettergurt und Kletterschuhe und schaue mich um. Nur ein paar gut gebaute Jugendliche in kurzen Hosen und hautengen, rückenfreien Tops trainieren jetzt am
frühen Nachmittag. Klettern hat eindeutig den Coolnessfaktor. Kunststoffwände bis unter die Hallendecke sind mit bunten, rauen Kunststoffknubbeln von Kiesel- über Faust- bis zu Gesteinsbrockengröße gespickt. Überhänge erhöhen den Schwierigkeitsgrad.

Scheinbar mühelos ...

Die Höhe in dieser Halle hier ist mit zwölf Metern durchschnittlich – gemessen an der Superlative „Heavens-Gate“ in München mit 34 Metern. Ich beobachte einen vielleicht 14 Jahre alten Jungen, der sich katzenartig und scheinbar mühelos über die
Wand bewegt. Seinen rechten Fuß platziert er gerade auf einem Tritt, etwa auf Höhe seines Ohrs, und stemmt sich federleicht nach oben. Als Kind bin ich auch gerne geklettert, auf Bäume und Mauern zum Beispiel. Oder auf den Kleiderschrank in meinem Zimmer, um mit Wonne auf die Matratze zu springen. Höhenangst kannte ich da noch nicht. Andrea und ich verkrümeln uns in die verlassene Anfängerecke. Hier haben die Routen keine Schwierigkeitsgrade. Gewöhnlich gehen sie von 3a bis 9a+. Wir entscheiden uns für die Strecke mit den grünen Knubbeln. Die Griffe sind groß, der Abstand zwischen den Tritten scheint nicht allzu gewagt.

Jetzt der „Partnercheck“

Andrea greift sich das direkt davor von der Decke baumelnde Seil und sichert mich am Klettergurt mit einem Knoten, der aussieht wie eine doppelt gelegte Brezel. Das andere Seilende führt sie durch ihr Sicherungsgerät.

„Jetzt nochmal prüfen, ob alles in Ordnung ist“, sagt sie und deutet auf das kleine rote Warndreieck-Schild an der Wand, in dem „Partnercheck“ steht. Wir prüfen gegenseitig die Gurtverschlüsse, den Anseilknoten, den Karabiner, durch den das Seil läuft, und das Sicherungsgerät. Ich lege den Kopf in den Nacken, folge mit den Augen den grünen Griffen und Tritten bis nach oben. Mein Herz pocht, ich bin nervös.

Die Redensart „Wer hoch steigt, kann tief fallen“ schießt mir durch den Kopf. „Jeder Kletterer hat beim ersten Mal Respekt vor der Höhe. Das ist ganz normal, weil man natürlich an die Absturzgefahr denkt“, sagt Elias Hitthaler, der Experte für künstliche Kletteranlagen beim Alpenverein.

Eben dieses Gefühl zu überwinden, den Spaß an der Bewegung zu entdecken und die Herausforderung zu meistern – das macht die Faszination am Klettersport aus.

Lösungen finden

Die positive Erfahrung in der Wand wirke sich auch im Alltag aus. Etwa wenn es darum gehe, Schwierigkeiten zu überwinden, Lösungen zu finden und sich und anderen zu vertrauen. Deshalb wird Klettern auch oft im Team- und Persönlichkeitstraining eingesetzt. Auf den ersten zwei Metern klettere ich beherzt voran. Dann muss ich mich ordentlich lang machen um den nächsten Griff zu erreichen. Jetzt müsste der linke Fuß folgen. Doch der nächste grüne Tritt ist klein und weit weg. Ich verzage, hänge in der unbequemen Position fest, es geht nicht mehr vor und zurück. „Nimm den großen schwarzen Tritt gleich neben dir“, ruft mir Andrea zu und zieht das Sicherungsseil straff.

Ich schaue nur nach oben

Ich fühle mich gehalten und setze meinen Fuß auf den schwarzen Knubbel, den ich bequem erreichen kann. Das ist zwar nicht mehr meine Route, aber egal. Ich achte nicht mehr auf die Farben, schaue nicht nach unten, sondern nur nach oben auf die nächsten Griffe und gewinne etwas Zutrauen zurück. Andrea sichert mich jetzt durchgehend mit straffem Seil. Mit beiden Händen kralle ich mich an den letzten Griff, geschafft.

Der Abstieg geht flott. Andrea lässt mich am Seil peu à peu ab, ich stoße mich dabei schon wie ein alter Hase mit den Füßen von der Wand weg. Wieder festen Boden unter den Füßen, atme ich schließlich mit weichen Knien, aber glücklich, durch.

„Beim Klettern hat man gerade anfangs recht schnell Erfolgserlebnisse“, sagt Elias Hitthaler vom DAV. Das kann ich jetzt bestätigen – denn ich bin einfach so drauflos geklettert, ohne Techniktraining und Trockenübungen am Boden. Ich bewältige zwei weitere Anfängerstrecken und wage mich dann schon an eine richtige Route, Schwierigkeitsgrad 4. Ich schaffe es ohne Zwischenfälle bis ans Ziel. Oben angekommen vertraue ich mich dann mit erschöpften Armen und Beinen dem Klettergurt an. Tief fallen kann ich damit zwar auch, aber zum Glück nur ins sichere Seil.

Info – Trendsport Bouldern: Klettern in Absprunghöhe

Alle größeren Kletterhallen haben inzwischen neben dem Kletterbereich auch eine Boulder-Zone. Bouldern ist Klettern ohne Seil in Absprunghöhe, meist in Höhen zwischen zwei und fünf Metern. Dicke weiche Matratzen federn den Sprung oder Fall ab. Das Motto beim Bouldern: kurz, aber knackig. Einige Routen sind zwar anfängertauglich, die eigentliche Attraktion sind aber die technisch und körperlich anspruchsvollen Strecken an Überhängen.

Um die kniffeligen Hindernisse zu bewältigen braucht es Fitness, Akrobatik, mutige Züge, Technik und viel Kraft. Neu ist dieser athletische Sport nicht. Französische Kletterer haben schon vor über hundert Jahren an niedrigen Kletterfelsen im Wald von Fontainebleau bei Paris für Alpentouren trainiert. Die Bezeichnung „Bouldern“ stammt aus dem Englischen: „Boulder“ bedeutet Felsblock. Eine große Boulderszene entwickelte sich in den 70er-Jahren in Kalifornien und von dort aus schwappte die Welle nach Europa.

Weil die Seilsicherung beim Bouldern wegfällt, kann man diesen Sport auch gut ohne Partner machen. Außer Kletterschuhen wird kein Zubehör gebraucht. Die herausfordernden Strecken sind eine perfekte Übung für schwierigere Kletterrouten und zur Verbesserung von Kraft und Technik.

Bouldern ist aber auch ein eigenständiger Sport. Der Deutsche Alpenverein veranstaltet zum Beispiel nationale und internationale Bouldercups, die den Zuschauern mit spektakulären Kletteraktionen spannende Wettkämpfe bieten.

Online-Tipps:

Infos rund ums Klettern und Bouldern, Anforderungen an Kletterscheine und Hallenverzeichnisse gibt es beim Deutschen Alpenverein: www.alpenverein.de

Materialtests, Kletter-Videos, Community, Klettertipps und neue Trends, Kletterreisen und vieles mehr rund ums Thema: www.klettern.de

Erschienen in Ausgabe 09/2015