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Baaaaahn frei!!!

Schlittenfahren (© Oliver Rossi – Gettyimages)
Mehr Wintersportvergnügen für weniger Geld ist kaum zu kriegen: Sobald genügend Schnee liegt, kann jeder Hügel als Rodelpiste dienen. Freude am Schlittenfahren haben nicht nur Kinder, sondern auch Erwachsene. (© Oliver Rossi – Gettyimages)

Rodeln weckt Erinnerungen an die Kindheit – und sorgt für Adrenalinschübe. // Jochen Bettzieche

Sanft senkt sich die Sonne, orangerot strahlt das Licht durch die Äste der riesigen Tannen auf die Bahn. An den Stellen, die jetzt schon im Schatten liegen, dort, wo die Bäume besonders eng zusammenstehen, glitzert die kurz zuvor leicht angetaute Schneeschicht eisblau. Weit unter mir liegt der Südtiroler Wintersportort Sexten. Und oben, da stehen wir: mein Holzschlitten und ich.

Brille auf, den Helm schließen. Unter mir Kreischen, hinter mir Lachen. Rodeln macht eben fast alle glücklich. Und es muss durchaus kein kurzes Vergnügen sein: Rund fünf Kilometer und etwa 600 Höhenmeter können die Schlittenfahrer in Sexten zurücklegen. Adrenalinschübe garantiert.

Ich stoße mich ab, der Rodel setzt sich in Bewegung, erst langsam, dann immer schneller. Erste Kurve, Fuß in den Schnee rammen – geschafft. Links Bäume, rechts Bäume. Kurve folgt auf Kurve. Bretterwände verhindern, dass Fahrfehler zum unkontrollierten Freiflug durch den Bergwald führen.

Rodeln begeistert längst nicht nur Kinder sondern auch Erwachsene. Leicht zu lernen, kann hier jeder sein Wintersport-
erlebnis genießen. Wenn genügend Schnee liegt sogar auf dem nächsten Hügel vor der Haustüre. Unbedingt sogar auf dem nächs-ten Hügel, denn mehr Wintersportvergnügen für weniger Geld gibt’s schließlich kaum. Schon Kleinkinder haben ihren Spaß, wenn sie auf dem Schoß ihrer Eltern den Hang hinuntergleiten. Teenager brettern unter lautem Gejohle der Freunde die steilsten Steigungen bergab, und nichts spricht dagegen, diese Freude auch als Erwachsener auszukosten, und sei es nur ein paar Meter weit. Eine prima Idee übrigens auch für die Mittagspause – falls es in der Nähe des Büros ein verschneites Gefälle gibt.

Noch vor wenigen Jahrzehnten war es in Skigebieten üblich, dass Skipisten zu Rodelstrecken wurden, sobald die Lifte ruhten. Dann kamen erste Gemeinden auf die Idee, geeignete Wege und Straßen, die im Winter nicht geräumt wurden, zu planieren. So präparierte beispielsweise der Ort Kühtai in den Stubaier Alpen eine Straße, die zu einer Staumauer führt.
Mittlerweile hat fast jeder Wintersportort mindestens eine eigens ausgewiesene Rodelbahn. Die Strecken sind gut besucht, und zwar nicht nur von Kindern. „Rodeln wird oft mit positiven Gedanken an die Kindheit verbunden“, nennt Katharina Schiller, Psychologin an der Kinderklinik Kaufbeuren, einen Grund, warum auch 60-Jährige sich noch auf eine Art Holzschemel setzen, um mit hohem Tempo dem Tal entgegenzufliegen.

Schiller unterteilt eine Rodelpartie in zwei Phasen. Da ist zum einen der Aufstieg. „Wer den Schlitten langsam den Berg hinaufzieht, findet Zeit dafür, mehr auf Dinge zu achten, die im stressigen Alltag oft untergehen. Diese Achtsamkeit, beispielsweise auf den Gemütszustand, die Atmung oder die Umwelt bewusst zu legen, kann zu einer verbesserten Selbstwahrnehmung führen und einen positiven Effekt auf die Psyche haben“, sagt die Psychologin.

Bergauf in aller Ruhe, bergab in voller Fahrt 

Bergab hingegen testen viele ihre Grenzen. Bei welcher Geschwindigkeit fangen sie an zu bremsen, wie stark legen sie sich in die Kurven. Das Gehirn erhält dadurch neue Reize, erklärt Schiller: „Wenn man am Ende die Strecke geschafft hat, dann steigert man dabei auch sein Selbstwertgefühl.“ Und hatte nebenbei noch sehr viel Spaß.

Insbesondere Kurven sind eine Herausforderung. Wer zu stark lenkt, der verliert Tempo oder dreht sich gar und steht dann falsch herum, mit der Vorderseite des Schlittens zum Berg. Zusätzlichen Nervenkitzel garantiert die Abfahrt, wenn der Fahrer bäuchlings auf dem Schlitten liegt. Dann lenken Hände und Füße mit und zuweilen hängt der Körper quer über dem Gefährt, damit die Kurve nicht zur Endstation wird.

Allerdings ist dieser Fahrstil auf vielen offiziellen Rodelstrecken nicht gestattet. Zu groß ist die Unfallgefahr. Wer den Geschwindigkeitsrausch auskosten will, der sollte sich daher unbedingt richtig schützen. „Ein Helm ist hier sicherlich nicht verkehrt“, empfiehlt Roland Ampenberger, Sprecher der Bergwacht Bayern. Handschuhe und wettertaugliche Kleidung sind ohnehin Pflicht. Bei Schneefall verhindert eine Brille, dass sich Flocken ins Auge verirren. Und die Schuhe sollten robust sein. So robust, dass der Fahrer sie mit voller Wucht bedenkenlos in den Schnee rammen kann.

So lange die Lifte laufen, gilt eine weitere Regel: „Auf Skipisten hat man mit einem Schlitten nichts verloren“, sagt Ampenberger. Und das sollte man am besten auch dann beherzigen, wenn die Lifte nicht mehr laufen – oft sind dann nämlich Pistenfahrzeuge im Einsatz.

Verbissene Geschwindigkeitsrekorde sind bei einem Vergnügen wie dem Schlittenfahren ohnehin fehl am Platz. Zu groß ist die Gefahr, sich zu verletzen und außerdem: Der Spaß liegt im Fahren, im Gleiten, im Sausen – im Rodeln eben.

In Sexten senkt sich derweil die Sonne immer weiter. Einmal geht noch, denke ich mir. Zwar bin ich klatschnass, denn der aufspritzende Schnee entwickelt sich bei der kilometerlangen Fahrt schnell zur Wasserfontäne. Und die kann sich erstaunlich schnell durch Anorak und Skihose fressen. Aber wen stört das schon, wenn dafür noch eine Abfahrt drin ist?

Fahrbare Untersätze

Der Klassiker

Beim Davoser Schlitten stehen die Kufen mit der vollen Fläche auf dem Boden und sind über eine starre Holzkonstruktion miteinander verbunden. Zum Lenken muss der Fahrer die Stiefel auf dem Boden aufsetzen.

Der Bewegliche

Die Kufen eines Rodels stehen schräg, sodass sie nur mit einer Kante aufliegen. Könner steuern durch einen Druck mit dem Fuß an die Holzkonstruktion, ohne den Boden zu berühren. Rodel sind daher schneller als Davoser Schlitten.

Der Moderne

Kunststoffschlitten gibt‘s mittlerweile auch für gehobene Ansprüche auf dem Markt. Stabile Bremsen helfen nicht nur, das Gefährt anzuhalten, sondern auch beim Steuern. Manche Modelle haben auch ein Lenkrad, das mit einer beweglichen, zentralen Kufe verbunden ist.

Buchtipp

Georg und Rosemarie Loth: Rodeln Oberbayern und Tirol, Bergverlag Rother, 2012, 108 Seiten, 8,90 Euro