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Fitness & Gesundheit

Das nasse Gefühl von Freiheit

Paddeln (© Gettyimages - Hero Images)
(© Gettyimages - Hero Images)

Mit dem Kajak unterwegs zu sein ist erfrischend – und gut für den Körper. // Jochen Bettzieche

„Wild water!“, jubelt unser Guide. Das Wasser spritzt übers Boot und jemand kreischt. Vor Freude. Nicht aus Furcht. Naja, das mit dem „wild water“ war auch ein bisschen übertrieben. Kurz hinter dem oberbayerischen Schöngeising wird die Amper auf wenigen Metern etwas wilder. Das Wasser rauscht, vor uns liegt eine so genannte Sohlrampe, also eine künstlich geschaffene Stufe, die dabei hilft, einen Höhenunterschied per Boot zu überwinden.

Für ein paar Meter wird die Fahrt schneller und steiler. Hier heißt es aufpassen, genau steuern und die Bootsgasse in der Mitte erwischen. Der Kajak sollte sich nicht quer stellen und wer zu nah am Ufer fährt, riskiert, auf Steinen aufzusitzen oder im Ufergebüsch hängenzubleiben. Wer unsicher ist, der sollte sich – so wie wir – einen Guide nehmen, der über die Schwierigkeiten aufklärt und Anweisungen gibt. Oder aber man steigt vor der rasanten Stelle aus, hebt das Boot raus und lässt es später wieder ins Wasser.

Wir haben die Stelle des wilden Wassers ohne Havarie gemeistert, es geht gemächlich weiter. Paddelschlag für Paddelschlag. Die gleichmäßige Bewegung hat etwas Meditatives, sagt die Psychologin Katharina Schiller: „Dabei wird der Geist frei, man kann besser denken.“

Und man wechselt die Perspektive: Vom Kajaksitz aus sehen wir vom Wasser aufs Land. Wir sind früh dran und deshalb ganz alleine unterwegs. Verwilderte Gärten drängen bis ans Ufer, ganz hinten steht ab und zu ein Haus. Die Sonne scheint schon kräftig, schnell trocknen T-Shirts und Unterarme. Sonneneinstrahlung ist natürlich ein Thema – hier auf dem Wasser muss jeder besonders gut aufpassen, um keinen Sonnenbrand zu bekommen. Sonnencreme und Kopfbedeckung sind ein Muss.

Das gilt gerade jetzt, im Sommer, der besten Zeit fürs Kajak-Fahren. Zuvor  sind zahlreiche Wasserstraßen noch gesperrt. So auch die Amper. Bis zum 15. Juli müssen Bootsfahrer jedes Jahr warten. Denn der Fluss führt durch die Naturschutzgebiete Ampermoos und Amperauen, und dort sollen die Tiere im Frühjahr ihre Ruhe haben.

Die Welt aus einer anderen Perspektive

Langsam melden sich die Muskeln in den Oberarmen. Noch etwa eine halbe Stunde müssen sie durchhalten, bis wir eine Pause einlegen. Das ist ein weiterer positiver Effekt beim Kajakfahren: dass ein Ziel erreicht wird. „Das ist ein gutes Gefühl, so etwas geschafft zu haben“, sagt Psychologin Schiller. Vorausgesetzt, man beherrscht die Technik. Dann ist Kajakfahren sogar gesund. „Rücken, Schulter, Bauch und Arme werden trainiert und gekräftigt, Ausdauer und das Herz-Kreislaufsystem trainiert“, erklärt Oliver Linhardt, Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie am Orthopädiezentrum Arabellapark München.

Kajaks stammen aus arktischen Regionen. Die Ureinwohner gingen darin auf die Jagd. Kajaks und Kanadier gehören zur Gruppe der Kanus. Kajaks werden aber mit dem Doppelpaddel angetrieben. Diese Boote können nicht nur auf einem Fluss gefahren werden. Auch Seen bieten sich an. Hier sind auch tückische Strömungen seltener.

Dennoch müssen Kajakfahrer auch hier unbedingt das Wetter beobachten. Wenn Winde den sonst ruhig zwischen den Bergen liegenden Iseosee in Nord­italien aufwühlen, dann haben Kajakfahrer in Ufernähe zwar ihren Spaß in den Wellen. Den See zu überqueren oder weite Strecken zu paddeln erfordert dann aber Kraft, Ausdauer und Können. Zieht ein Unwetter auf, muss jeder ohnehin so schnell wie möglich sehen, dass er wieder an Land kommt.

Auch auf dem Meer muss man aufpassen. Hoher Tidenhub wie an der Nordsee ist riskant. Einfacher ist es am Mittelmeer und an der Ostsee. So bietet eine Kajaktour durch die schwedischen Schäreninseln vor der Ostküste des Landes ein einmaliges Naturerlebnis. Jede der zahlreichen, kleinen Inseln ist eine Teiletappe, alle paar Paddelschläge sehen die Kajakfahrer neue Buchten und Felsen.

Lange, gar mehrtägige Touren, erfordern körperliche Vorbereitung. „Man sollte regelmäßig Pausen machen, raus aus der Sitzhaltung gehen und sich entspannen“, rät Orthopäde Linhardt. Sonst drohen Rückenbeschwerden. Selbst bei einer kleineren Tour bietet sich eine Pause an. Anlegen, abkühlen – und den wasserdicht verpackten Picknickkorb rausholen.

Checkliste für Kajakfahrer

Wegstrecke vorab auf Karte mit geeignetem Maßstab (1:50000, besser 1:25000) anschauen und besondere Merkmale einprägen.

Herausfordernde Stellen erst von Land aus betrachten und entscheiden, ob man sich die Fahrt zutraut oder die Stelle lieber umgeht.

Naturschutz beachten! Die örtlichen Umweltämter kennen Schutzzonen und Fahrverbote.

Sonnenschutz auftragen und unterwegs nachcremen.Sonnenhut nicht vergessen.

An zahlreichen Gewässern vermieten Anbieter Kajaks stunden- und tageweise.

Informationen gibt der deutsche Kanu-Verband: www.kanu.de

Kanu Kompass Bayern Zahlreiche Kajakführer mit detaillierten Infos zu einzelnen Touren bietet der Thomas-Kettler-Verlag, zum Beispiel: Michael Hennemann, Kanu Kompass Bayern, 2019, 336 Seiten, 22,90 Euro