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Ich will Abenteuer!

Um spontan zu ihrem ersten Mikroabenteuer aufzubrechen, brauchte Autorin Kim Eberhardt einen Blick auf die Wettervorhersage, zehn Minuten, um Termine umzulegen und den Rucksack zu packen – (© Clarke Voss)
und keine zwei Stunden später saß sie im Zug in die Lüneburger Heide. (© Clarke Voss)
(© Clarke Voss)
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Zu den Regeln des Mikroabenteuers gehört es, ohne Auto unterwegs zu sein und unter freiem Himmel zu schlafen. (© Clarke Voss)
Nachdem Kim die nächtliche Begegnung mit einer panischen Hummel überstanden hatte, schlief sie tief und fest. Und genoss den Sonnenaufgang im Wald. (© Clarke Voss)

„Einfach raus und machen“ lautet die Formel für Mikroabenteuer im Alltag. Das heißt: Ab in die Natur – ohne Auto, ohne Zelt. Was das bringt? Ein Selbstversuch. // Kim Eberhardt

Von irgendwo her kommt ein Brummen. Nur ganz leise. Dann ebbt es ab. Ertönt wieder. „Bestimmt nur ein Moped, das irgendwo gestartet wird“, versuche ich mich in Gedanken selbst zu beruhigen. Funktioniert auch. Fürs Erste. Doch plötzlich ist das Geräusch wieder da, und diesmal scheint es näher gekommen zu sein. Ich setze mich auf. Mit meiner Stirnlampe leuchte ich die Umgebung ab. Aber außer dicht stehenden Bäumen sehe ich nichts. Es ist Nacht – und ich bin im Wald.

Ich kuschle mich wieder in meinen Schlafsack, ziehe vorsichtshalber den Reißverschluss etwas weiter zu. Mit geschlossenen Augen konzentriere ich mich auf meine Atmung: einatmen, eins, zwei, ausatmen, eins, zwei, einatmen … Ich schrecke hoch. Das Brummen scheint nun direkt unter mir zu sein. Und da ist noch etwas anderes: ein Vibrieren. Meine ganze Isomatte zittert. Jetzt reicht’s! Ich will wissen, was das ist, und vor allem will ich, dass es aufhört. Ich krieche aus meinem Schlafsack und bleibe unschlüssig stehen, dann nehme ich meinen ganzen Mut zusammen und lüfte das Tarp, also die Plane, die ich gestern Abend über meinem Schlafplatz aufgespannt und unter mir festgeklemmt habe.

Eine Hummel! Das arme Tier kriecht völlig irritiert darunter hervor. Ohne den Blick von ihr zu wenden, tas­te ich nach dem nächstbesten Ast und setze das Insekt ein paar Meter weiter auf dem Waldboden ab. Erschöpft und erleichtert schlüpfe ich zurück in meinen Schlafsack. Und zum zwanzigsten Mal in dieser Nacht frage ich mich, was ich eigentlich hier mache. Mitten in der Lüneburger Heide, im Walddickicht, ganz ohne Zelt. Die Antwort ist: Ich hab das Abenteuer gesucht, und, ich gebe es ungern zu, auch gefunden.

Einfach raus und machen

Das Abenteuer, das ich hier suche, nennt sich Mikroabenteuer. Motivations-Coach Christo Förster hat Bücher zu dem Thema geschrieben. In Deutschland ist Förster das Gesicht der Mikroabenteuer-Community, deren Beiträge mit dem Hashtag #rausundmachen in den Sozialen Netzwerken kursieren. In Anlehnung an den britischen Abenteurer Alastair Humphreys, der den Begriff Mikroabenteuer geprägt hat (siehe Kas­ten), hat Förster drei Regeln aufgestellt: 1. Ein Mikroabenteuer ist ein Outdoor-Erlebnis, das mindestens acht und maximal 72 Stunden dauert. 2. Man benutzt weder Auto noch Motorrad oder Flugzeug. Öffentliche Verkehrsmittel sind erlaubt. 3. Bleibt man über Nacht, verbringt man sie draußen – ohne Zelt.
Eigentlich nicht wirklich etwas Neues, einfach ein Ausflug in die Natur, denke ich, als ich Christo Förster zum Interview treffe. Doch das Thema beschäftigt mich. Ich frage mich: Was ist das Besondere daran? „Menschen lieben das Abenteuer“, erklärt Förster. „Nur leben wir heute in einer Zeit, in der unser Alltag kaum mehr Abenteuer hervorbringt. Technik bestimmt unser Leben, alles ist organisiert und unser Smartphone verrät uns bereits am Morgen, wie das Wetter abends wird.“

Die Lösung, die der Coach vorschlägt, scheint simpel: Wir sollten öfter den Kopf ausschalten, in die Natur gehen und uns von unseren Instinkten leiten lassen. Deshalb empfiehlt er auch, das eigene Mikroabenteuer nicht zu stark durchzuplanen. „Es kommt sowieso immer anders als man denkt“, sagt Förster am Ende unseres Gesprächs. „Und das ist auch gut so.“

Ich will’s wissen!

Ich will es genauer wissen und beschließe, das Experiment selbst zu wagen. Ende August sind die Nächte zwar schon etwas feucht, aber noch nicht zu kühl, denn ich möchte auch die Nacht draußen verbringen. Nur wo? In der Umgebung von Hamburg gibt es einige Wald- und Wandergebiete. Viele stehen unter Naturschutz. Kann ich mich einfach so in den Wald legen? Und was ist, wenn gerade irgendwo Schonzeit oder Jagdsaison ist? Ich schreibe eine E-Mail an die Info-Adresse des Klövensteener Forstes und bitte um einige Tipps, wo ich am besten ‚mein Lager‘ aufschlagen könnte. Die Antwort ist eher ernüchternd. Bis mir die Genehmigung zum Wildcampen erteilt wird, könnte es einige Zeit dauern. Mit dieser Antwort habe ich nicht gerechnet. Ich entscheide mich, ohne Genehmigung loszuziehen. Denn laut Förster ist das Draußenschlafen ohne Zelt gesetzlich nicht verboten. Und das Zelt bleibt sowieso zu Hause.

Was ich aber mitnehme, ist ein wasserdichtes Tarp, das ich wie ein Dach zwischen die Bäume spannen will. In meinen 35-Liter-Wanderrucksack verstaue ich außerdem: meine Isomatte, einen warmen Schlafsack, meine Stirnlampe und bequeme Kleidung zum Schlafen. Außerdem nehme ich meinen Campingkocher mit, denn auf einen warmen Tee möchte ich am Morgen nicht verzichten. Bleibt jetzt nur noch die Frage, wohin es gehen soll. Meine Wahl fällt schließlich auf die Lüneburger Heide.

Plan A, Plan B

Natürlich kommt es anders. Christo Förster hatte Recht. Denn am Tag bevor ich losziehen will, sehe ich plötzlich, dass es nachts nun doch regnen soll. Dafür ist heute bestes Wetter mit Sonnenschein angesagt. Wieder muss ich eine Entscheidung treffen. Mein Rucksack ist noch nicht gepackt und ich habe noch einige Termine. Wenn ich mich jetzt beeile, könnte ich aber nachmittags schon in der Heide sein. Ich habe Chris­to Försters Worte im Ohr: „Abenteuer ist vor allem Machen. Es steht und fällt mit deiner Entscheidung.“ Plötzlich bin ich nervös, aber irgendwas in mir sagt Ja – jetzt oder nie. Innerhalb von zehn Minuten habe ich meine Termine umgelegt und an der Arbeit Bescheid gegeben, dass ich erst übermorgen wiederkomme. Keine zwei Stunden später stehe ich auf dem Hamburger Hauptbahnhof und warte auf meinen Zug, der mich in nur 30 Minuten nach Buchholz bringen soll. Ich bin aufgeregt, aber ich freue mich auf das, was mich erwartet. Das Abenteuer kann beginnen.

Meine Nacht im Wald

Nach dem Zwischenfall mit der Hummel dauert es nicht mehr lange und ich bin tief und fest eingeschlafen. Der Ausblick am Morgen entschädigt mich für die Aufregungen der Nacht: Ich schaue ins Grüne, überall um mich herum sind Bäume, es duftet nach frischem Gras und Tau. Zwischen den Bäumen geht die Sonne auf. Mein erster Gedanke ist: Ich habe es überlebt. Dann denke ich eine Weile nichts mehr. Ich lausche nur noch. Auf die Stille, das Knacken der Äste, das Rascheln der Blätter, das Rauschen und Flüstern. Ein Specht hämmert auf der Suche nach Futter mit dem Schnabel gegen einem Stamm.

Einige Minuten liege ich noch da und sauge jedes Geräusch in mir auf, möglichst viel davon möchte ich mit nach Hause nehmen. Anschließend koch ich mir meinen Tee, der mir an diesem Morgen besonders gut ­schmeckt. Als ich fertig bepackt aus dem Waldstück, in dem ich übernachtet habe, auf die offene Heide zurücktrete, hat sich etwas verändert. Ich sehe die Dinge nun anders. Und ich fühle mich anders. Etwas in mir fühlt sich ganz leicht an. Es ist nicht das große Glücksgefühl, das man hat, wenn man nach großer Anstrengung etwas Besonderes erreicht hat. Oder eine tolle Aussicht genießt. Ein eher leises Gefühl durchströmt mich. Ich bin nicht mehr länger nur Wanderer und Besucher. Ich bin ein Teil der Natur, ich kann sie riechen und schmecken. Ich fühle mich verbunden.

Mit leichten Schritten trete ich den Rückweg an. Als ich an eine besonders schöne Stelle in einer Schlucht komme, lege ich mich mitten auf den Weg. Die Sonne bricht gerade durch die Bäume und ich genieße für einen Moment ihre Wärme. Als ich so daliege, fühle ich ein Kribbeln in meinem ganzen Körper. Ich muss laut lachen, als ich mir vorstelle, dass es eventuell nur Ameisen sind, die an mir hochkrabbeln, weil ich wie ein Hindernis in ihrem Weg liege. Ich muss an das Erlebnis mit der Hummel denken und noch mehr lachen. Eine Joggerin kommt vorbei und schaut mich an. Ich grüße sie mit einem gut gelaunten ‚Moin‘. Als ich kurz danach meinen Weg fortsetze, ist das Kribbeln immer noch da. Ich hoffe, dass es mich noch eine Weile begleiten wird. Ich bin glücklich.


Mikroabenteuer

• Geprägt wurde der Begriff „Mikroabenteuer“ von Alastair Humphreys, einem britischen Abenteurer, der im Jahr 2012 von National Geographic zum ,Abenteurer des Jahres‘ gekürt wurde.

• Der Autor und Motivations-Coach Christo Förster hat ein Buch zum Thema geschrieben. Darin berichtet er von seinem ersten Mikroabenteuer und gibt Tipps für Planung, Ausrüstung und Motivation. Achtung, Abenteuerlust ist ansteckend!

Harper Collins, 9,99 Euro