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Fitness & Gesundheit

Konzentrieren und sich spüren

© gettyimages, Christopher Thomas

Kampfkünste aus Fernost trainieren nicht nur den Körper. Wer Bogenschießen, Karate oder Aikido betreibt, wird auch ausgeglichener und belastbarer. //Antonia Kemper

Immer wenn sich der Pfeil nach dem Aufziehen des Bogens im Augenblick der größten Spannung wie von selbst löst und die Sehne ohne seitliche Schwingungen auf das Holz trifft, dann entsteht Yo Shi, der schöne Ton, der hell und klar und ein wenig scharf klingt. Dann taucht Franka Schmidt tief in sich ein, dann ist sie ganz bei sich. „Ein toller Zustand“, sagt die 47-Jährige, „nur leider lässt sich der nicht festhalten.“ Und leider gelingt ihr ein solcher Schuss nicht sehr häufig.

Sich besser wahrnehmen

Schon seit 14 Jahren betreibt Franka Schmidt Kyudo, die japanische Form des Bogenschießens. In einer Dokumentation über den Zenbuddhismus hatte sie eine Schützin gesehen, deren Pfeile mitten ins Ziel trafen, und wusste plötzlich: „Das ist es.“ Diese Art von Konzentration hatte die Grafikerin damals gesucht. Heute übt sie zwei- bis dreimal wöchentlich in ihrem Verein, dem Alster Dojo. Derzeit bereitet sich Franka Schmidt auf den fünften Dan vor, den mittleren von zehn Meistergraden. „Das Bogenschießen hilft mir, immer mehr von meinem Körper zu spüren und mich besser wahrzunehmen. Es ist wie eine Art Kommunikation mit mir selbst.“

Wie die meisten asiatischen Kampfkünste zielt Kyudo auf die Balance von Körper, Geist und Seele. „Die Kampfkünste beziehen den ganzen Menschen ein, im Gegensatz zu den westlichen Sportarten, die sich auf den Aufbau von Muskeln konzentrieren“, sagt Peter Schettgen, Professor für Psychologie in Augsburg. Er selbst betreibt seit 34 Jahren Aikido und verwendet die japanische Selbstverteidigungstechnik auch als Lehr- und Lernmethode in der beruflichen Weiterbildung.

Als Direktor des Zentrums für Weiterbildung und Wissenstransfer (ZWW) der Universität Augsburg nutzt Schettgen Aikido auch für seine Manager-Seminare. Denn wer eine der asiatischen Kampfsportarten betreibt, sei belastbarer und stressresistenter, gewinne innere Ruhe, werde gelassener und ausgeglichener. Kurz: „Man entwickelt sich zu einer authentischen Persönlichkeit, die weiß, was sie fühlt, die sagt, was sie denkt, und die tut, was sie sagt“, erläutert Schettgen die positive Wirkung.

An diesem Dienstagabend sind außer Franka Schmidt ein gutes Dutzend Männer und Frauen zwischen 20 und 60 zum Kyudo-Training ins Alster Dojo gekommen. Viele tragen einen Hakama, den traditionellen schwarzen Hosenrock, und Gi, das weiße Hemd. Manche binden noch ihre Lederhandschuhe, andere stehen bereits mit ihren 2,20 Meter langen Bögen an der Vorbereitungslinie. Eine kurze Verbeugung zum Ziel und das tausend Jahre alte Ritual beginnt. Pfeil einlegen, Körper ausrichten, Bogen heben, aufziehen, zielen – jeder in seinem Rhythmus, jeder ganz konzentriert. Eine Nachlässigkeit, und der Pfeil verfehlt sein Ziel. 28 Meter ist die Scheibe entfernt, die historische Kampfdistanz der japanischen Ritter.

Bis Mitte des 16. Jahrhunderts gehörte Bogenschießen zu den wichtigsten Kriegstechniken Japans. Dann übernahmen Gewehre diese Funktion, und die Zen-geschulten Samurai nutzten den Bogen nicht mehr zur Auseinandersetzung mit dem Feind, sondern mit sich selbst – Kyudo entstand.

Das schwache Ich besiegen

Auch andere asiatische Kampfkünste wurden vom Zen-Buddhismus beeinflusst. Sie eint das Prinzip, einem Angreifer mit der eigenen Stärke entgegenzutreten. Deshalb bilden sie die „harte Schule“, zu der zum Beispiel Karate und Taekwondo gehören. Andere Kampfkünste sind vom Taoismus geprägt: Ihre Strategie ist es, einem Gegner auszuweichen, seine Kraft aufzunehmen und sie dann gegen ihn zu wenden. Außer Tai-Chi zählen zur „weichen Schule“ auch Wing Tsun und Aikido.

Odile Hain kam vor sechs Jahren durch eine Freundin zum Karate – und blieb, weil ihr die Konzentration auf präzise ausgeführte Bewegungen gefiel. „Im Training versuche ich, im Hier und Jetzt zu sein“, erzählt die 43-jährige Fotografin aus Hamburg, „das hilft mir heute auch im Job, wenn mal wieder alles zugleich auf mich niederprasselt.“

Selbst wenn sie todmüde sei, gehe sie gern zum Unterricht. Das läge vor allem an der Art ihres Trainers Sevki Akyildiz, denn der bette Karate in das tägliche Leben ein. Der 52-Jährige lehrt an seiner Schule, dem „Zentai-Karate Do“, dass zwar die Hälfte des Karate aus Selbstverteidigung bestehe, die andere Hälfte jedoch in der Überwindung des eigenen, schwachen Egos. Begründung: „Kämpfe finden nicht nur in den Übungen statt, sondern auch im Alltag, wenn man seinen inneren Schweinehund überwinden muss. Zum Beispiel, wenn man eine Verabredung einhält, auch wenn man dazu eigentlich gerade keine Lust hat.“ Akyildiz schätzt an der Kampfkunst Karate vor allem die Möglichkeit, einen Zugang zu seinem Inneren zu finden und sich selbst reflektierter wahrzunehmen.

Angriff und Verteidigung – sie sind schon lange nicht mehr der Hauptgrund dafür, weshalb die Kampfkunstarten weltweit so viele Anhänger haben. Inzwischen stehen längst andere Aspekte im Vordergrund, schließlich enthalten sämtliche asiatischen Kampfkünste viele meditative Elemente. „Und weil die einen positiven Effekt auf die psychische Stabilität haben, wird dadurch auch das Immunsystem gestärkt“, erläutert Marc Ziegler, Facharzt für Physikalische und Rehabilitative Medizin in einer Praxisgemeinschaft in Hamburg. Der ehemalige Judoka schätzt die Kampfkünste auch deshalb, weil sie Kraft, Ausdauer, Schnelligkeit, Beweglichkeit und Koordination zugleich trainieren.

Franka Schmidt trainiert beim Kyudo derzeit besonders den Augenblick des Abschusses. Mal gelingt ihr das besser, mal schlechter. „Doch immer bekomme ich eine Rückmeldung, wie gut ich gerade in Kontakt mit mir selbst bin. Und das motiviert mich, immer weiter an mir zu arbeiten.

© gettyimages

Kampfkunst aus Japan, China und Korea

– Kyudo: Beim Bogenschießen ist der rituelle Bewegungsablauf in den acht Hassetsu genau festgelegt: von der Fußstellung über den Auszug des Bogens auf Ohrhöhe bis zum Lösen des Pfeils bei maximaler Dehnung. Deutscher Kyudo Bund e.V.: www.kyudo.de

– Karate: Jedes Training beginnt und endet mit einer kurzen Meditation. Geübt werden Würfe, Hebel und Blocktechniken zur Selbstverteidigung sowie Schlag-, Stoß- und Trittbewegungen. Deutscher Karate Verband e.V.: www.karate-dkv.de; Fachverband für traditionelles Karate: www.deutscher-jka-karate-bund.de

– Taekwondo: Zu den wichtigsten Techniken gehören Kicks in Bauch- oder Kopfhöhe – gedreht, gesprungen, doppelt oder dreifach – und Fauststöße. www.taekwondo.de; Deutsche Taekwondo Union: www.dtu.de

– Aikido: Bei dieser defensiven Kampfkunst wird die Kraft des Angreifers mit kreis- und spiralförmigen Bewegungen, Würfen und Hebeltechniken neutralisiert. Wichtiger Bestandteil sind Atem- und Konzentrationsübungen. www.aikido.de; www.aikido-bund.de

– Tai-Chi: Langsam und fließend werden festgelegte Bewegungssequenzen ausgeführt – allein oder mit Partner. Dazu wird eine Atemtechnik trainiert, die den Energiefluss Chi lenkt. Dachverband für Tai-Chi Chuan und Qigong: www.tai-chi-zentrum.de; Deutsche Sektion des Weltverbandes: www.wctag.de

– Wing Tsun: Zwölf Grundbewegungen nehmen die Kraft eines Angreifers auf und verwenden sie gegen ihn. Geübt werden Schlagkraft, Koordination, Präzision und Schnelligkeit. Auch Suggestions- und Mentaltechniken gehören dazu. www.wingtsun.de; Deutscher Wing Chung Verband: www.wcvd.de