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Fitness & Gesundheit

Mit nix zufrieden

Fasten (© Leni Burger)
Nur mit Tee das Chaos lichten? (© Leni Burger)

Fasten macht glücklich. Unsere Autorin hat‘s selbst erlebt. // Nicole Pollakowsky

Fasten macht glücklich. Egal ob wir keine feste Nahrung zu uns nehmen, das Smartphone links liegen lassen oder mal nicht shoppen gehen – der zeitweilige Verzicht auf Gewohntes motiviert Körper und Geist zu ungeahnten Höhenflügen. Wieso eigentlich? Autorin Nicole Pollakowsky hat nachgefragt und ausprobiert.

Die Aufschrift auf der bunten Schachtel verspricht Großes: „Chaos lichten, die Stimmung heben, auf dem Königspfad wandeln“ – all das soll demjenigen möglich sein, der diesen Tee trinkt. Klingt super.  Ab damit in den Einkaufswagen. Viel liegt noch nicht darin: zwei Flaschen Saft, ein Becher Buttermilch, ein Bund Suppengemüse – und jetzt noch der Chaos-lichtende-Königspfad-Tee. Das ist mein ganzer Vorrat für die kommenden fünf  Tage. Ich werde fasten. Mein Leben ist eine Baustelle und ich will sehen, ob die freiwillige Essens-Auszeit mir hilft, das Durcheinander zu sortieren.

Es ist Fastentag Nummer eins, ich bin schlapp. Mein Körper hat noch nicht verstanden, wieso da plötzlich keine Energie mehr nachgefüllt wird. Auf Diskutieren oder Erklären habe ich wenig Lust und rede daher erstmal nicht über mein Experiment. Außenstehende, die nichts mit Fasten am Hut haben, tun sich schwer mit der Vorstellung, tagelang nichts zu essen und nur zu trinken. Die Reaktion ist immer die gleiche: „Das hast du doch nicht nötig.“ Und: „Das kann doch nicht gesund sein!“

Der einzige Neustartknopf, den wir haben

Ist es aber doch – das ist mittlerweile erwiesen. Amerikanische Studien belegen, dass alle Organismen, wenn sie regelmäßig fasten, weniger anfällig sind für Zivilisationskrankheiten wie etwa Rheuma, Bluthochdruck oder Diabetes. Auch bei der Krebsbehandlung setzen Forscher seit Kurzem Hoffnung ins Fasten. Als den „einzigen Neustartknopf, den wir haben“ bezeichnete der Berliner Mediziner und Fastenforscher Professor Andreas Michalsen in der Zeitschrift Geo den freiwilligen Nahrungsverzicht auf Zeit. Das Fantastische: Diesen Reset-Schalter tragen wir in uns selbst, zum Nulltarif. Wir müssen ihn nur umlegen.

Von einem Neustart kann bei mir am bösen Fastentag Nummer zwei noch keine Rede sein. Der Kopf tut weh, mir fehlt mein Morgenmilchkaffee. Nach einer Runde an der frischen Luft steht fest: Den Königspfad habe ich noch nicht erreicht. Also noch eine Kanne Tee und ab an den Schreibtisch. Aber schon nach kurzer Zeit lässt meine Konzentration nach. Mein Kopf ist am Limit. Vor allem die „Ich-muss-noch-schnell“-Punkte auf der To-Do-Liste erscheinen als riesiger Stressfaktor. Ich nehme mir die Freiheit, sie zu ignorieren. Trotzdem: Vielleicht war es nicht so schlau, mein Fasten-Experiment in eine ganz normale Arbeitswoche zu legen.

Tag vier –  und ich bin im Flow

„Stress beim Fasten ist Gift“, bestätigt Andrea Chiappa. Der studierte Ökotrophologe bildet an der Fastenakademie in Bad Homburg Fastenleiter aus und führt auch selbst Fastengruppen durch die Tage des Nahrungsverzichts. Seine Erfahrung: „Fas-ten, Bewegung und Entspannung – das passt zusammen.“ Er selbst zieht sich zum Fasten zurück, wählt beispielsweise ein Kloster als Rückzugsort, um seine Gedankenwelt zu ordnen. „In großen Lebenskrisen hat sich das Fasten für mich als Lösungsbringer bewährt“, so Chiappa. Na, bitte!

Tag drei meiner Fastenwoche bricht an – und ich fühle mich bärenstark. Tschacka! Seit halb sieben bin ich glockenwach, kurz vor acht habe ich den Wocheneinkauf für die Familie erledigt und stehe nun in der Schlange an der Kasse. Erstaunlich, was um diese Zeit schon los ist. Gefühlt die Hälfte der Kunden kenne ich. Fluch des Landlebens – so viel Sozialkontakt so früh am Tag ist eigentlich gar nicht mein Ding. Aber heute kann ich selbst den anstrengendsten Zeitgenossen fröhlich einen guten Morgen wünschen. Und schau an, sie lächeln zurück!

Der Tag ist mein Freund, und das ist kein Wunder. Mein Körper hat verstanden, was Sache ist, hat sich umgestellt – von Zucker- auf Fettstoffwechsel – und ernährt sich quasi aus sich selbst. Dass das funktioniert, ist wohl evolutionär bedingt. Seit jeher gehören Zeiten der Nahrungsknappheit zum  Leben. Vermutlich wären wir heute nicht hier, wenn der Neandertaler nach drei Tagen ohne Essen nur noch apathisch in seiner Höhle gehockt hätte. „In Bezug auf den Energiestoffwechsel ist Fasten ein gutes Training, vergleichbar mit einem passiven Marathonlauf“, sagt Andrea Chiappa. Im Körper werden verstärkt stimmungsbeeinflussende und schmerzhemmende Substanzen ausgeschüttet. „Endorphine wirken entspannend, die gesteigerte Serotoninwirkung macht uns happy“, nennt der Fastenleiter zwei Beispiele.

Tatsächlich: Tag vier – und ich bin im Flow. Pausenbrote schmieren und selbst nichts naschen? Eine meiner leichtesten Übungen! Depri-Wetter mit Nieselregen? Mir doch egal. Erstaunlich ist, wie viel Zeit man durchs Nicht-Essen gewinnt. Zeit, in der lange aufgeschobene Entscheidungen reifen können – und endlich getroffen werden. Bahnbrechend ist für mich auch die Erkenntnis: Die Welt dreht sich weiter, obwohl ich alles einen Ticken langsamer angehe und ich zwischendurch einfach mal auf dem Sofa eindöse.

„Die positive Verzichtserfahrung ist für Menschen sehr wertvoll“, sagt Andrea Chiappa. Die psychologische Dimension des Fastenerlebnisses ist ihm zufolge nicht zu unterschätzen: „Wer sich selbst bewiesen hat, dass er ein Stück weit autark leben kann, gewinnt Vertrauen in die Fähigkeit des eigenen Körpers und in sich selbst.“ Experten sprechen von einer Selbstwirksamkeitserfahrung. Diese ist laut Chiappa nicht auf den Nahrungsverzicht beschränkt. Auch wer es schafft, eine Zeitlang aufs Auto, auf Alkohol oder aufs Internet zu verzichten, könne ähnliche Effekte erzielen. „Der beste Zeitpunkt Verzicht zu üben ist, wenn man nicht mehr genießen kann“, sagt Chiappa. Gut jeder zweite Deutsche hat das schon mindestens einmal für mehrere Wochen ausprobiert – das geht aus einer Forsa-Studie im Auftrag der Krankenkasse DAK aus dem Jahr 2016 hervor. Fasten-Favoriten sind demnach die Klassiker Alkohol und Süßigkeiten.

Aber auch ganz andere Verzichtsformen erobern sich ihren Platz in den Köpfen. So ruft die Kampagne Modeprotest seit 2012 immer während der christlichen Fastenzeit vor Ostern im Internet zur Aktion „Klamottenkur“ auf. Wer teilnimmt, der reduziert den Inhalt seines Kleiderschrankes 40 Tage lang auf 50 Kleidungsstücke – Jacke, Schuhe, Socken, Unterwäsche inklusive. „Modefasten ist ein Weg, reduzierter mit Kleidung umzugehen“, sagt Lenka Petzold, eine der Initiatorinnen der Klamottenkur. „Man erfährt dadurch ganz intensiv, was man wirklich braucht.“ 

Im Kopf wird etwas angestoßen – der Überschuss wird einem bewusst

Weniger die ohnehin Nachhaltigkeits-Bewegten seien es, die bei der Aktion mitmachen, so die Designerin. Sondern eher Leute, die sich bisher nur am Rande mit dem Konsumwahn beschäftigt hätten und nach einem Weg suchten, um aus dem schnell drehenden Modekarussell auszusteigen. Hilfestellung geben die Aktivistinnen auf ihrer Seite www.klamottenkur.de beispielsweise mit einer Vorschlags-Liste von 50 Teilen für die „Kurgarderobe“: Darunter unverzichtbare Basics wie Unterwäsche und Socken (je 10-mal) und weitere Kleidungsstücke wie T-Shirts (8), Pullis (5) oder Schuhe (2 Paar). „Für manche ist die Hürde, sich auf 50 Teile zu beschränken, auch zu hoch“, sagt Petzold. Die Zahl 50 sieht sie daher auch nur als Anhaltspunkt. „Wir haben damit gute Erfahrungen gemacht“, sagt sie, findet aber auch, dass es auf ein Teil mehr oder weniger nicht ankommt. „Im Kopf wird auf jeden Fall etwas angestoßen. Der Überschuss wird einem bewusst.“

Aber wie ist das eigentlich andersherum? Kann auch das Fasten süchtig machen? Die Hochstimmung nach den ersten Verzichtstagen wird auch als Fasten-High bezeichnet. Und ja: An das Gefühl der Unbeschwertheit, das auch am fünften Tag meines Experiments anhält, könnte ich mich gewöhnen. Besteht die Gefahr, dass Menschen gar keine Lust mehr haben, aus dem Fastenmodus auszusteigen, weil sie sich „ohne“ so gut fühlen? Andrea Chiappa hält das für denkbar – und rät Einsteigern daher, nur unter professioneller Anleitung zu fasten. „Entscheidend ist eine gute Vorbereitung. Es muss klar sein, dass nur für einen bestimmten Zeitraum gefastet wird“, sagt der Fastenleiter. Genauso wichtig sei es, das Ende der Fastenphase regelrecht zu zelebrieren. „Das Fastenbrechen hat seine Berechtigung. Denn nach zehn Tagen ist man der Welt der Essenden schon ziemlich entrückt.“

Ich bin willensstark, aber kein Übermensch

Leider – oder zum Glück – kann ich das von mir nicht behaupten. Ich bin mittendrin in der Welt der Essenden. Und immer öfter beschleicht mich doch die schlechte Laune, wenn ich am Esstisch nur dabeisitzen und Brühe schlürfen darf. Den Rest gibt mir und meiner Standhaftigkeit mein Sohn, der am Nachmittag von Fastentag Nummer fünf beschließt, Kuchen zu backen – mit Mamas Hilfe. Ja, ich bin willensstark, aber ich bin kein Übermensch. Ich  beende mein Experiment.

Mein ganz persönliches Fastenbrechen zelebriere ich statt mit dem obligatorischen Apfel mit einem selbstgemachten Bisquit-Törtchen. Mein robuster Magen-Darm-Trakt nimmt mir das erfreulicherweise nicht krumm. Und mich macht das Törtchen glücklich. Geschafft! Ob es der Königspfad war? Vielleicht. Ob die Baustellen in meinem Leben nun beseitigt sind? Keineswegs. Aber ich habe sie wieder im Griff und baue jetzt fröhlich weiter.

Fasten (© Leni Burger)

Willensstärke hat Grenzen ... (© Leni Burger)

Fasten hilft heilen

Von (Schul-)Medizinern lange belächelt, rückt das Fasten  inzwischen als Heilmittel in den Fokus der Wissenschaft. Auch das intermittierende Fasten wird untersucht. Dabei wechseln Essenszeiten mit mehr oder weniger langen Pausen ab. Die Effekte scheinen vergleichbar mit denen bei mehrtägigem Nahrungsverzicht.

Aufmerksamkeit erhielt das Fasten durch die Verleihung des Medizin-Nobelpreises 2016 an den Japaner Yoshinori Oshumi, der den Autophagie-Mechanismus in Zellen erforscht. Bei diesem Prozess zerstückeln und recyceln die Zellen ihren Abfall selbst. Fasten kann diese zellinterne „Müllabfuhr“ aktivieren. Der Körper kann so Krankheiten wie Alzheimer oder Parkinson entgegenwirken.


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