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Fitness & Gesundheit

Einmal erden, fertig, los!

Naturcoaching (© Fotos: gettyimages )
Naturcoaching (© Fotos: gettyimages / Dougal Waters)

Wer mit einer Entscheidung feststeckt, sollte in den Wald gehen. Wenn wir in Bewegung sind und die Natur mit allen Sinnen wahrnehmen, kommen Herz und Hirn zu Wort. Ein Selbstversuch in Naturcoaching. // Martina Petersen

Der Lärm von der Autobahn brandet bis an den Waldrand. Auf dem Grunewald-Parkplatz warten vier Frauen auf Coach Klemens Wannenmacher und haben vor allem Fragen im Gepäck: Medienberaterin Helga möchte endlich aus der Stressfalle herauskommen. Designerin Andrea muss ihren Laden aufgeben und überlegt, wie es beruflich weitergehen kann. Malerin Bettina möchte sich noch mutiger in ihren Bildern ausdrücken. Und ich habe mich in einer unbefriedigenden Wohnsituation ganz komfortabel eingerichtet. Kann uns der vierstündige Workshop „Auf dem Weg ins Freie – Entscheidungen treffen mit Herz und Verstand“ dabei helfen, eine Lösung für unsere Probleme zu finden?

Um zur Ruhe zu kommen, verbringen wir die erste halbe Stunde schweigend. Klemens Wannenmacher leitet uns an, auf den Atem zu achten, die Gelenke zu lockern und mit den Füßen den Kontakt zum Boden zu spüren.

Bald bewegen wir uns auf schmalen Trampelpfaden durchs Grün. Wannenmacher lädt uns ein, den Wald „wie ein Kind“ mit allen Sinnen zu entdecken. Als wir uns auf einer kleinen Lichtung sammeln, hat sich auf allen Gesichtern ein seliges Lächeln ausgebreitet. Für die erste Übung sollen wir aus den Materialien des Waldes Kopf und Herz formen und symbolhaft darstellen, was in ihnen vorgeht. Bei dreien von uns sind Kopf und Herz getrennt, und in den übervollen Köpfen türmen sich aus Zweigen, Rindenstücken und Tannenzapfen Gedanken. Wie einladend sieht dagegen das weiche Moos-Bett aus, das das Herz darstellen soll.

Naturcoaching nutzt bei Fragen zu Karriere und Persönlichkeitsentwicklung die Natur als Spiegel für innere Prozesse. Der Klient greift intuitiv nach Ausdrucksformen, die seinen Standort und seine Bedürfnisse symbolisieren. Wissenschaftliche Studien belegen, dass bei Bewegung in der Natur beide Gehirnhälften besser zusammenarbeiten und sich – wie bei einer tiefen Meditation – auf gleichem Rhythmus im Alphawellenbereich einschwingen: Wir fühlen uns wohlig geerdet und können angeregt durch die Aufgaben und Fragen des Coaches kreativ neue Ideen entwickeln.

Kopfmenschen, Sinnsucher

In Deutschland wird Naturcoaching seit einem guten  Jahrzehnt angeboten. Seither stärken Firmen in Natur-Events den Teamgeist. Für Privatleute reicht das Angebot mittlerweile von sportlich orientierten Wander- und Survival-Trips bis zur spirituell angelegten Visionssuche. „Männer fühlen sich eher zu Bewegung und Natursportarten hingezogen“, hat Naturcoach Carsten Gans erfahren. „Meist sind sie nicht so geübt darin, ihre Gefühle wahrzunehmen und sie auszudrücken. Deshalb müssen sie über die Aktion erst einmal ins Spüren kommen.“

Wie Gans erlebt auch Klemens Wannenmacher, dass sich eher Frauen für ein Coaching im Freien öffnen. „Besonders bei Leuten, die nur im Kopf sind, bei erschöpften Menschen und bei Sinn-Suchern kann die Arbeit in der Natur Wunder wirken“, erzählt Wannenmacher. Deshalb nutzen auch immer mehr konventionelle Coaches und Therapeuten den Erlebnisraum Natur für Achtsamkeitsübungen ihrer Klienten. Thematisch lässt sich jedes Thema in der Natur bearbeiten. Wichtig ist, dass sich jeder Coaching-Prozess an einem explizit formulierten Ziel orientiert. Seriöse Coaches loten schon im Vorgespräch aus, ob tiefgreifende persönliche Blockaden oder Angststörungen vorliegen und empfehlen in solchen Fällen eine Therapie.

Carsten Gans arbeitet ausschließlich in der Natur, Klemens Wannenmacher baut bei längeren Coachings ab und zu ein Outdoor-Erlebnis ein. Manchmal reicht nach seiner Erfahrung schon ein Workshop, um einen Wechsel der Perspektive herzustellen: „Durch die tiefe Erfahrung in der Natur hat schon manch einer gesagt: Jetzt ist aber Schluss mit den ewigen Ausreden.“

Wir stehen mittlerweile in Paaren an einer Kreuzung im Wald und sollen auf der Grundlage unserer Fragen erforschen, wie es sich anfühlt, unterschiedliche Wege zu gehen. Bettina möchte spontan den verschlungenen „Pfad der Abenteuer“ gehen. Als das Gelände immer uneinsichtiger wird, beschleicht sie heftiges Unbehagen. „Was, wenn der Weg ins Nichts führt oder langweilig endet“, überlegt sie. Sie kennt diese Angst, wenn sie beim Malen überlegt, ob ihre Bilder später in Galerien verkäuflich sein werden.

Blick und Herz öffnen

Mich zieht es zu einem orangefarbenen, in der Luft tanzenden Ballon, dessen Band sich in einem Dornenbusch verheddert hat. Es ist Bettina, die mich auf all die wunderschönen Blumen am Wegesrand hinweisen muss. Habe ich nicht auch bei meiner mühsamen Wohnungssuche total ausgeblendet, dass mir „auf dem Weg“ lauter schöne Erlebnisse widerfahren könnten ...

Zurück auf unserer Lichtung entrümpeln wir allesamt unsere Köpfe von Gedanken und Glaubenssätzen, die Herzen werden an die zentrale Stelle gerückt. „Ich lasse mich nicht von der Exis-tenzangst überrollen“, beschließt Andrea. Außerdem will sie über einen Internet-Shop nachdenken. Ich nehme mir vor, mich endlich über Wohnprojekte in meiner Nähe zu informieren. Und Helga beschließt als Anti-Stress-Programm, täglich eine halbe Stunde im Grunewald Rad zu fahren.

„Wer einmal die inspirierende Kraft der Natur erlebt hat, will das immer wieder haben“, hat Klemens Wannenmacher bei seinen Klienten beobachtet. „Wenn du nicht weißt, was dir auf der Seele liegt, gehe wie eben achtsam spazieren. Danach wirst du deiner Antwort ein Stückchen näher gekommen sein.“

Info: Kraft schöpfen in der Natur

In die Füße kommen Schweigen, Gedanken loslassen und sich auf den Atem konzentrieren – so kommt man gut in der Natur an. Dann die Füße bewusst aufsetzen, abrollen und spüren, wie sich die unterschiedliche Textur des Bodens, Kiesel, Sandwege oder Moos, anfühlt.

Sich verwurzeln Stellen Sie sich an einen Baum und spüren Sie mit geschlossenen Augen, wie seine Wurzeln tief in den Boden reichen. Schlagen Sie unter den Fußsohlen kräftige Wurzeln, verankern Sie sich fest und lassen Sie sich von der Erde mit Energie aufladen.

Weitblick bekommen Menschen sind optisch orientierte Wesen und nutzen im Alltag meist den Tun-nelblick. Wer ohne einen bestimmten Punkt zu fokussieren auf Weitwinkel schaltet, öffnet seine Wahrnehmung auch für kleinste Bewegungen in der Peripherie.

Lauscher aufstellen Wir können wie Hasen unsere Lauscher aufstellen, nach links oder rechts horchen. Können Sie auch hören, was hinter Ihnen ist? Wer sein Gehör schult, kann sich über das Rauschen des Windes im Gras und jede Stimme im Vogelkonzert freuen.

Bücher & Web-Tipps:

Mark Coleman: Die Weisheit der Wildnis: Selbsterkenntnis durch Achtsamkeit in der Natur, Arbor Verlag, 2013, 280 Seiten, 19,90 Euro.

Michael Huppertz, Verena Schatanek: Achtsamkeit in der Natur: 84 naturbezogene Achtsamkeitsübungen und theoretische Grundlagen, Junfermann Verlag, 2015, 320 Seiten, 24,90 Euro.

www.naturcoachingberlin.de Klemens Wannenmacher bietet Naturcoaching in Berliner Parks, im Grunewald oder auf dem Tempelhofer Feld an.

www.natur-coaching.de Carsten Gans veranstaltet u.a. spezielle Frauen- und Männergruppen im Natur-park Spessart. Er bildet auch Naturcoaches aus.

www.wildnisschulen.org Netzwerk von Wildnis-Schulen, die traditionelles Wissen vermitteln und die Verbundenheit von Mensch und Natur fördern wollen.

Erschienen in Ausgabe 07/2016