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Nichts wie raus!

© gettyimages, Buena Vista Images

Etwa die Hälfte der Deutschen geht gerne wandern. Und wem die puren Natureindrücke von Wiesen, Bergen und Wälder nicht genügen, der probiert neue Trends wie „Geocaching“ aus. // Manuela Gotthartsleitner-Wagner

Sehen, hören, riechen. Einfach drauflos marschieren, der Hektik des Alltags entfliehen und die Natur genießen. Selten war es möglich, einen Trend mit so wenigen und einfachen Worten zu beschreiben und damit auszudrücken, was ein großer Teil der Bevölkerung heute in seiner Freizeit sucht.

Jahrelang galt diese Natursportart als tristes Auslaufmodell für ältere Filzhutträger mit seltsamen Ritualen, unschicken Klamotten und mitunter merkwürdigen Gesängen. Mitte der 1990er-Jahre kam die Wende. Heute gehen knapp 40 Millionen Deutsche gerne wandern, wie der Wanderverband in einer Studie herausfand. Die Randgruppe von einst ist heute eine Masse, der durchschnittliche Wanderer ist kein älterer einzelgängerischer Sonderling mehr, sondern kommunikationsbedürftig, Mitte bis Ende 40 und überdurchschnittlich gebildet. Was ist passiert?

Das Glücksgefühl aus der Natur

Für Rainer Brämer, Natursoziologe und Ehrenvorsitzender des Deutschen Wanderinstituts in Marburg, liegen die Gründe für diese Entwicklung klar auf der Hand. Er räumt zwar ein, Wandern sei nicht der „ultimative Kick oder der adrenalinerfüllte Freizeitspaß“. Doch genau das sei es, was der Großstadtmensch heute suche. „Wir sind zu Kopf-Sitz-Menschen geworden und brauchen deshalb einen Ausgleich in der Bewegung“, weiß der Experte und fügt hinzu: „Spaziergänge in der Natur sorgen dafür, dass wir im Kopf wieder klar werden.“

Diese Gefühle bestätigt auch Autor Manuel Andrack im Interview. Wenn der ehemalige Co-Moderator von Harald Schmidt vom Wandern spricht, dann schwärmt er von dem „wahren Glücksgefühl“, das ihn beim Entdecken neuer Landschaften erfasst. Andrack will die Natur intensiv erleben, sie bei jedem Marsch neu entdecken.

„Ich habe immer Lust, etwas Neues auszuprobieren und gehe daher selten einen Weg zwei Mal“, erzählt der Autor, der seine Wandererlebnisse in mehreren Büchern schildert. Das 2011 erschienene Buch „Das neue Wandern: Unterwegs auf der Suche nach dem Glück“ will dem Leser verraten, wie sich dieses Glück finden lässt.

Beim Ausflug in die Natur werde er angesichts der neuen Eindrücke und unvergesslichen Momente „im Kopf aktiv“. Viele neue Ideen entstehen seinen Worten nach beim Marschieren durch die Natur.

Die positive Wirkung des Wanderns auf die menschliche Psyche ist auch Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen. So kann Experten zufolge alleine das Betrachten schöner Landschaften den Blutdruck senken und die Entspannung fördern. Auch körperlich ist Wandern der optimale Sport, werden doch Herz, Kreislauf, Stoffwechsel und Atmung dabei nachhaltig gestärkt.

Ansprüche an Wege steigen

Doch reicht dem strukturierten und organisierten Großstadtmenschen von heute, der an das Smartphone und Navigationsgerät gebunden ist, alleine die Natur für den Freizeitspaß wirklich aus? Brämer winkt ab und betont: „Die Ansprüche an die Wanderwege sind in den letzten Jahren deutlich gestiegen.“ Analysen zeigen: Wenn es darum geht, in Teilstrecken auf befahrenen Straßen gehen zu müssen oder keine ausreichend beschilderten Wege vorzufinden, wird der moderne Wanderer © istockphotomitunter ziemlich mürrisch.

Deshalb prüft und testet das Deutsche Wanderinstitut Hunderte von Wegen quer durch die Bundesrepublik und verpasst ihnen anhand eines umfangreichen Kriterienkatalogs ein Qualitätssiegel für Prämienwege. 34 Kategorien zeigen alle Stärken und Schwächen einer bestimmten Route.

Wie sind die Wege beschaffen? Kreuzen Radfahrer? In welchem Zustand ist der See, an dem man entlang geht? Erfüllt ein Weg alle Kriterien, wird er zum sogenannten Premium-Wanderweg erkoren.

Michael Sänger, Chefredakteur des Wandermagazins, stellt fest, dass die Nachfrage nach solchen Wegen inzwischen „exorbitant hoch“ sei. Frustfaktoren wie Asphalt, breite Forstwege oder Wege mit lärmender Kulisse würden bei Qualitätsrouten reduziert und Lustfaktoren wie Panorama-Aussicht und naturnahe Wegeführung optimiert. Dadurch lasse sich die Erlebnisqualität immens steigern.

Nacktwandern und GPS sind im Kommen

Aushängeschild für einen solchen Premiumweg ist der Rothaarsteig im Westerwald. Auf 154 Kilometern von Brilon nach Dillenburg werden dem Wandervolk Erlebnisstationen, Qualitätsgastronomie, Ranger-Expeditionen und jede Menge Unterhaltungsprogramme geboten. Romantiker können sogar ein Rothaarsteig-Picknick bei Kerzenschein buchen. Das Programm kann sich sehen lassen: Es reicht von Tages-, Halbtages-, Mehrtages- und Wochentouren über Rundwege bis zu Streckenwanderungen oder auch individuellen und geführten Wandertouren nach Maß.

Das Angebot ist inzwischen also breit gefächert. Damit aber selbst bei dieser Vielfalt keine Langeweile auf den Strecken aufkommt, gibt es bereits die nächsten Trends: Neuerdings stehen auch Nacktwandern, Wandertouren bei Nacht oder Barfußwandern hoch im Kurs.

Wer einerseits Naturverbundenheit, andererseits aber auch Begeisterung für moderne Technik mitbringt, kann am Geo-Caching, einer Art Schnitzeljagd durch Wald und Feld via GPS teilnehmen (nähere Informationen siehe Links). Auch GPS-Wandern oder Nordic Trekking, eine verstärkte Variante des Nordic Walking, erfreuen sich immer größerer Beliebtheit. Brämer ist sicher: „Bei diesen vielfältigen Angeboten ist für jeden etwas dabei. Hauptsache, es ist in der Natur, macht Spaß und ist gesund.“

Die richtige Wanderkleidung

Eine wasserdichte Wetterjacke braucht man auf jeder Wanderung.Praktisch: Kleidung, die „atmet“ und ausreichend Feuchtigkeit nach außen abgeben kann, wie Funktionskleidung aus atmungsaktiven Kunstfasern oder Naturfasern wie Merinowolle. Außerdem empfehlenswert: ein leichter Rucksack für einen zusätzlichen Pullover, Proviant und ein Erste-Hilfe-Set. Besonders wichtig sind die Schuhe: Beim Kauf sollte man sich gut beraten lassen und die Schuhe vor der ersten Wanderung gründlich einlaufen.

Webtipps & Bücher

www.wanderbares-deutschland.de
Eine Website der Deutscher Wanderverband Service GmbH. Hier werden Wanderwege, Wanderregionen, zertifizierte
Qualitätswege, Qualitätsgastgeber und viele spannende Themen rund um das Wandern vorgestellt.

www.geocaching.de
Geocaching ist eine moderne Form einer Schatzsuche bzw. Schnitzeljagd. Ausgestattet mit einem Global Positioning System (GPS)-Empfänger und den Koordinaten eines „Schatzes“ aus dem Internet kann man „Schätze“ finden, die jemand anderes versteckt hat. Es wird erklärt, wie man diese „Caches“ findet oder einen eigenen versteckt.

Buch Wolfgang Lührs:
Vom Wispern der Wälder
und vom Wesen des Wanderns
Verlag Die Werkstatt.
336 Seiten. 19,90 Euro.
Buch Manuel Andrack:
Das neue Wandern: Unterwegs auf der Suche nach dem Glück
Berlin Verlag.
250 Seiten. 9,95 Euro.
Erschienen in Ausgabe 09/2013