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Fitness & Gesundheit

Schnell mal entschleunigen

Mindfull Running (© Ruben Elstner Photography)
(© Ruben Elstner Photography)

„Mindful Running“ soll Körper und Geist trainieren. Ein Selbstversuch. // Martina Petersen

Eisiger Wind fegt durch die Straßenschluchten der Hamburger Hafencity, die Elbphilharmonie liegt unter einer Puderzuckerschicht aus Schneeflocken. Eindeutig ein Tag, um sich auf der Couch einzukuscheln. Stattdessen stehe ich für eine Probestunde in „Mindful Running“ zusammen mit Laufcoach und Achtsamkeitstrainerin Hanna Tempelhagen zur Mittagszeit auf den belebten Magellan-Terrassen und schließe die Augen.

„Versuche, deine Umgebung mit allen Sinnen wahrzunehmen, ohne zu bewerten“, fordert mich die 37-jährige Leistungsportlerin, die vor knapp zwei Jahren das Unternehmen „The Mindful Spaces“ mit Sitz in der Speicherstadt mitgegründet hat, auf. „Was hörst du? Welche Gerüche nimmst du wahr?“, fragt sie mich.

Der Autoverkehr brandet um meine Ohren, die Fahnen der Boote schlagen im Wind. Aus der nahe gelegenen Rösterei dringt Kaffeeduft in meine Nase. „Jetzt gehe mit deiner Aufmerksamkeit zu deinem Körper: An welchen Stellen des Fußes spürst du den Boden unter deinen Füßen?“, fragt Hanna Tempelhagen und lässt mich beim sogenannten Bodyscan Stück für Stück mein aktuelles Körpergefühl erforschen. Unter drei Lagen Funktionskleidung stecke ich voll freudiger Erwartung: Kann das „achtsame Laufen“ der Schlüssel dazu sein, mich künftig wieder motivierter zum Joggen aufzumachen?

Vielen Freizeitsportlern, die Hanna Tempelhagens Workshops besuchen, geht es wie mir: Sie haben einen randvollen Terminplan und suchen neben effektivem sportlichen Training nach einer Möglichkeit zum Entschleunigen und Entspannen. „Mindful Running“ integriert die Prinzipien von Meditation und Achtsamkeitsübungen in den Lauf und verspricht, Körper und Geist gleichermaßen zu trainieren: Die Umgebung wird mit wachen Sinnen aufgenommen, der Fokus beim Lauf liegt auf dem Atem oder dem Abrollen der Füße. Aufkommenden Gedanken oder Gefühlen soll der Läufer nicht anhaften, sondern sie „wie Wolken am Himmel“ vorbeiziehen lassen.

Mit etwas Übung soll es so immer besser gelingen, auch über das Lauftraining hinaus das stressige Gedankenkarussell zu stoppen, im Augenblick präsent zu sein und eine gelassenere Lebenshaltung zu entwickeln. In den USA nutzen Langstreckenläufer und andere Athleten bereits seit gut einem Jahrzehnt die Achtsamkeitstechniken des MBSR (Mindfulness Based Stress Reduction) für eine bessere Körperwahrnehmung und um Leistungsressourcen zu erschließen.

„Das Gehirn, das unseren Körper steuert, gibt als erstes auf und fährt uns bei Anstrengung herunter“, sagt Hanna Tempelhagen. Mit den Methoden des Bodyscans und gezielter Fokussierung konnte die MBSR-Lehrerin auch nach längerer Trainingspause ihre Leistung so optimieren, dass sie 2016 ihren ers-ten Marathon lief. Seither bietet sie als Pionierin in Deutschland „Mindful Running“-Kurse für jedes Laufniveau an.

Beim Warmlaufen durch die Hafencity lädt Hanna Tempelhagen dazu ein, bei Betonplatten, Kopfsteinpflaster oder den gerippten Bodenplatten des Blindenleitsystems die unterschiedliche Textur des Bodens zu spüren. Jede Wartepause an einer roten Ampel nutzen wir, um in Stille beim Atem zu verweilen.

Im nahe gelegenen Lohsepark fordert sie mich auf, große oder kleine Schritte zu machen, dann mit Ferse oder Zehen zuerst aufzusetzen oder in einzelne Körperteile hineinzuspüren. Plötzlich nimmt mir eine heftige Windböe den Atem. „Puh, ich kann nicht mehr“, rufe ich Hanna Tempelhagen zu, die mir rät, langsam weiterzulaufen und mich auf meine Schritte zu fokussieren. Statt auf die abwertende innere Stimme zu hören, die mir „Was hast du bloß für eine schlechte Kondition!“ einflüstert, solle ich liebevoll annehmen, was passiert und den Gedanken gehen lassen. Ganz hartnäckigen Widerständen könne man begegnen, indem man den Fokus auf das Zählen der Schritte lenkt, rät sie.

Beim abschließenden Bodyscan, der im Yogaraum von „The Mindful Spaces“ im Liegen stattfindet, spüre ich das Leben in jeder Körperzelle pulsieren. Wohlbefinden und eine große Ruhe breiten sich in mir aus und tragen mich wie eine Welle über den weiteren Arbeitstag. Künftig wird sich der „innere Schweinehund“ warm anziehen müssen.

Mindfull Running (© Ruben Elstner Photography)
Viele Freizeitsportler suchen neben dem effektiven sportlichen Training nach einer Möglichkeit zum Enstpannen. „Mindful Running“ soll beides kombinieren. (© Ruben Elstner Photography)

Webtipps

Hanna Tempelhagen bietet Workshops in mehreren deutschen Städten an und unterrichtet „Mindful Running“ in Unternehmen.
Infos unter: https://themindfulspaces.com/de/mindful-running/

Sie empfiehlt das Laufen in Stille, es gibt aber auch geführte Meditationen im Internet:
www.youtube.com/watch?v=Q6Lqt8Xa5Fs

US-Athlet und Coach Michael Sandler gibt auf einer englischsprachigen Website einen Einstieg in „Mindful Running“ inklusive kostenloser Videos: www.mindfulrunning.org

 

Buchtipp

Psychotherapeut William Pullen stellt achtsames Laufen als Strategie bei Stress und Depressionen vor:
„Run for your Life: Achtsamkeit und Bewegung für ein glückliches und gesundes Leben“, Klett-Cotta Verlag, 14,95 Euro