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Fitness & Gesundheit

Spiegel der Seele

Tatoos (© Stefanie Oeft-Geffarth)
(© Stefanie Oeft-Geffarth)

Tattoos sind mehr als Körperschmuck. Viele Menschen markieren damit wichtige Einschnitte in ihrem Leben. Und manches Bild auf der Haut hat eine ganz besondere Bedeutung. // Uta Gensichen

Für Elke Schmieder und ihre Familie bricht eine Welt zusammen, als ihr Sohn Philip mit 14 Jahren an einem Gehirntumor stirbt. Auf der Internetseite von „Aktion Lichtpunkt“ erzählt sie von ihrem Schmerz – und ihrem Tattoo. „Ich wollte etwas von Philip bei mir haben“, schreibt die 44-Jährige aus dem Erzgebirge. Lange sucht Elke Schmieder nach einer Bildidee. Sie fand sie beim Wegräumen der alten Schulsachen ihres Sohnes: Philips Unterschrift sollte es sein. Elke Schmieder lässt sich den mit kindlicher Handschrift geschriebenen Vornamen auf ihren linken Unterarm tätowieren. „Es ist, als hätte er persönlich auf meiner Haut unterschrieben. Es ist einfach ein Stück von ihm.“

Wie Elke Schmieder nutzen viele Menschen Tattoos als Spiegel ihrer Seele. Manchmal erinnern sie sich damit an den Verlust eines nahestehenden Menschen. Oft markieren die Hautbilder aber auch schöne Momente, zum Beispiel den Tag, an dem man seine große Liebe kennenlernte, oder die Geburt eines Kindes. Die eigene Haut wird auf diese Weise zu einem Album des Lebens.

Der Ex-Fußballer David Beckham beispielsweise soll inzwischen fast vierzig Tätowierungen haben. Auf seinem linkem Unterarm etwa steht auf Hebräisch: „Ich bin meines Geliebten; und mein Geliebter ist mein“, ein Zitat aus dem Hohelied. Die ZDF-Moderatorin Dunja Hayali trägt das ein oder andere Tattoo – großflächig auf dem Rücken und auf dem rechten Oberarm. In arabischer Schrift steht da der Name ihrer Golden Retriever-Hündin Emma.

Tätowierungen werden in allen Altersgruppen immer beliebter. Jeder fünfte Deutsche trägt inzwischen ein Körperbild, so das Ergebnis einer Umfrage der Uni Leipzig. Laut dem Bundesinstitut für Risikobewertung sind es in der Gruppe der 16- bis 29-Jährigen sogar 23 Prozent. Vor allem Frauen und ältere Menschen verlieren demnach immer mehr die Scheu vor Tattoos.

Der 30-jährige Pfleger Jens Büttner aus Leipzig hat sich nach der Geburt seiner Tochter Maja deren Namen und das Geburtsdatum auf seinen linken Unterarm tätowieren lassen. „Die Kleine hat mein ganzes Leben umgekrempelt – zum Guten! Das Tattoo soll allen zeigen, wie sehr ich sie liebe.“

Selbstbewusster dank Tattoos?

In Umfragen bestätigen viele Tätowierte, dass sie sich nach dem Eingriff stärker fühlten. Sie haben Schmerzen durchgestanden und tragen den Beweis für jeden sichtbar auf der Haut. Angeblich sollen tätowierte Menschen sogar selbstbewusster sein, folgert der amerikanische Soziologe Jerome Koch aus einer Befragung von 2.400 Studierenden.
Das führt auf den Ursprung der Tattoos zurück. Das Wort leitet sich aus dem polynesischen Begriff „Tatau“ her. So nannten die Bewohner der Südsee-Inseln ihre Hautzeichnungen. Es handelte sich für sie um mehr als nur um Körperschmuck. Der Freiburger Tätowierer Tomasi Sulu’ape erklärt: „Die Tatau zeigen zum Beispiel bei den Samoanern Status und Herkunft, spenden Lebenskraft und können die eigene Lebensgeschichte gezielt beeinflussen.“

Die Seelenarbeit auf der Haut ist allerdings nicht ohne Risiko. Der Psychologe und Experte für Körpermodifikationen Erich Kasten weiß aus seiner Praxis: Schmerzen können dabei helfen, negative Emotionen zu verarbeiten. Ein Tattoo aber, das ständig an einen Verlust erinnere, könne im ungünstigen Falle auch den seelischen Schmerz immer wieder wachrufen.

„Damit ich mich nicht aufgebe“

Andererseits verleihen eintätowierte Erinnerungen an schmerzliche Erfahrungen oft neue Kraft. Die 47-jährige Architektin Anja K. aus Berlin, die lieber anonym bleiben möchte, trennte sich von ihrem Mann, der sie jahrelang betrogen hatte. Sie ließ sich ein Herz auf den Oberarm stechen. Es steht für die guten Freunde, die ihr die Kraft gaben, sich zu trennen und wieder Selbstbewusstsein aufzubauen. Dafür ist sie dankbar. „Alleine“, sagt Anja, „hätte ich es nicht geschafft.“ Das Tattoo erinnere sie deshalb daran, dass es viel Liebe und Mitgefühl auf der Welt gibt – und dass man sich nicht aufgeben dürfe. „Mein Tattoo soll mich für immer daran erinnern, dass ich Freunde habe, die immer für mich da sind. Egal, wie schlecht es mir geht.“

Gefährlich schön

So interessant sie sein mögen – sind Tattoos auch genauso unbedenklich? Leider nicht. Dem Bundesinstitut für Risikoforschung (BfR) zufolge können die verwendeten Tätowiermittel viele gesundheitsschädliche Substanzen enthalten: von Schwermetallen und Allergenen in der Farbe bis hin zu Konservierungs- und Verdickungsmitteln in der Trägerflüssigkeit. Bekannte körperliche Reaktionen auf Tätowierungen sind Infektionen, Narbenbildung oder allergische Beschwerden.

Eine aktuelle Studie zeigt zudem, dass die nanokleinen Farbpigmente bis in die Lymphknoten wandern. Ein abschließendes Urteil zu den chronischen Gesundheitsfolgen von Tätowierfarben gibt es dennoch nicht. Da Erkrankungen wie Krebs oft viele Jahre nach einer bestimmten Einwirkung auftreten, ist es schwer, diese mit bestimmten Inhaltsstoffen zu verknüpfen.

Sein altes Tattoo entfernen lassen zu lassen, bringt leider nichts. Die derzeitigen Verfahren seien ebenfalls mit gesundheitlichen Risiken verbunden, so das BfR. Und: Bereits aus dem Tattoo gewanderte Substanzen bleiben auch nach der Entfernung im Körper.

Erschienen in Ausgabe 03/2018