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Naturkosmetik-Wissen

Allergisch gegen Naturkosmetik ?

© istockphoto
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Auch Naturprodukte können Allergien auslösen – genau wie herkömmliche Kosmetik. Es gibt jedoch einige Argumente, die trotzdem für die natürliche Variante sprechen. // Von Leo Frühschütz

Plötzlich spielt das Immunsystem verrückt. Es erklärt eine harmlose Substanz zum Feind und löst Alarmbereitschaft aus. Die Ursache für diese Fehlsteuerung kennen Mediziner nicht, aber sie haben einen Namen dafür: Sensibilisierung. Kommt der sensibilisierte Mensch mit der entsprechenden Substanz in Kontakt, schlägt das Immunsystem zurück: Es reagiert allergisch.

Viele natürliche und synthetische Stoffe können Allergien auslösen, auch Zutaten in Cremes oder Shampoos. Kosmetik-Allergien zählen zu den Kontaktallergien. Ein bis drei Tage nach dem Kontakt mit der allergenen Substanz machen diese sich als Rötung oder Ausschlag bemerkbar – oft entzündet sich die Haut, bildet Bläschen und nässt. Mediziner sprechen dann von einem Ekzem.

Irritation nicht gleich Allergie

Doch egal ob synthetische oder natürliche Inhaltsstoffe, für beide gilt: Nicht jeder Ausschlag ist eine Allergie. Allergologen schätzen, dass nur jedes fünfte von Kosmetika verursachte Ekzem einen allergischen Hintergrund hat. Vier Fünftel sind Reizungen und Irritationen, aber wegen ähnlicher Symptome nur schwer von Allergien zu unterscheiden.

Ob eine Allergie vorliegt, kann nur ein Test zeigen. Doch nicht jeder, der beim Allergietest auf einen natürlichen oder synthetischen Stoff sensibel reagiert, bekommt von dieser Substanz gleich einen Ausschlag. Bei Kontaktallergien spielen die Dosis und die Einwirkungszeit auf die Haut eine wichtige Rolle. Auf die hohen Konzentrationen der Duftstoffe im Allergietest reagieren etwa acht Prozent der Deutschen sensibel. An einer richtigen Allergie leiden aber nur ein bis zwei Prozent. Der Duftstofftest arbeitet allerdings mit chemisch reinen Duftstoffen, wie sie in konventionellen Produkten eingesetzt werden.

Hitliste der Allergene

Beim Informationsverbund Dermatologischer Kliniken (IVDK) in Göttingen laufen Daten über Kontaktallergien aus 54 Hautkliniken zusammen. Daraus erstellt der IVDK eine Rangliste der Kontaktallergene. Darin finden sich beispielsweise Konservierungsmittel und Farbstoffe. Die Nummer Eins der Allergieauslöser in Kosmetika sind jedoch Duftstoffe, in der IVDK-Rangliste auf Platz Vier. Die Allergiemeldungen über Kosmetika betreffen Haarfarben und Hautpflegeprodukte, aber auch Duschgele oder Shampoos.

„Es sind auch Unverträglichkeitsreaktionen auf Naturkosmetika dabei“, sagt IVDK-Mitarbeiter Johannes Geier. So haben natürliche Substanzen wie Wollwachs (Lanolin) und Propolis einen Platz auf dieser Liste, Wollwachs an zehnter Stelle. Das kommt allerdings daher, dass dieser Stoff oft als Basis medizinischer Cremes auf offene Wunden aufgetragen wurde. Das hat die Betroffenen sensibilisiert. Die Bundesregierung bestätigt in ihrem Aktionsplan Allergie: „Bei intakter, gesunder Haut ist der Erwerb einer Sensibilisierung durch Wollwachsalkohole in Kosmetika und Pflegemitteln eher selten.“

Etwa jeder Fünfzigste reagiert im Allergietest auf das Bienenprodukt Propolis allergisch. Weit weniger verbreitet sind Reaktionen auf Kräuter- und Blütenessenzen. Aber sie kommen vor: Über 300 Pflanzenarten können bei entsprechend Sensibilisierten eine Kontaktallergie auslösen, darunter auch Arnika, Ringelblume oder Kamille.

Eine eigene Auswertung über Naturkosmetika gibt es beim IVDK allerdings nicht. Das von Bund und Ländern geförderte Fachinformationszentrum für Chemie

behauptet jedoch: „Natur­kosmetika können für einen Allergiker problematischer sein als Kosmetika aus synthetischen Einzelkomponenten.“ Andererseits findet sich laut Studien natürliche Körperpflege inzwischen in jedem fünften Haushalt. Das Marktforschungsunternehmen ACNielsen hat herausgefunden, dass Hautfreundlichkeit und Umweltverträglichkeit die wichtigsten Motive für den Kauf sind. Kein Wunder: Naturkosmetikhersteller verzichten auf zahlreiche als irritierend bekannte Substanzen und verwenden in der Regel nur hautverträgliche Tenside und Emulgatoren. Deshalb machen viele Verbraucher die Erfahrung, dass sie diese Produkte besser vertragen.

Außerdem duften in Naturkosmetika nur natürliche ätherische Öle. In diesen kommen Duftstoffe, etwa Methyleugenol im Rosenöl, zwar vor. Aber nicht chemisch isoliert, sondern im Verbund mit vielen anderen Substanzen, die als Ganzes den Duft ergeben. Nach Ansicht von Herstellern sind daher ätherische Öle weitaus verträglicher als isolierte Duftstoffe, wie sie in Allergietests eingesetzt werden.

Das bestätigt eine Untersuchung des Naturkosmetikverbands BDIH. Dieser überprüfte bei 50 Menschen, die im Allergietest auf Geraniol sensibel reagierten, wie sie ätherische Öle mit Geraniol vertrugen. Keiner der 50 zeigte eine allergische Reaktion. Auf den chemisch isolierten Duftstoff in gleicher Konzentration reagierte dagegen ein Fünftel der Testpersonen mit Ausschlag.

Auch wenn einzelne Menschen auf Naturstoffe in Kosmetika allergisch reagieren könnten, sei Naturkosmetik hautverträglicher als herkömmliche Produkte, sagt Dr. Brigitte Roesler, Fachärztin für Dermatologie und Allergologie in Berlin. „Natürliche Substanzen sind für den Menschen und die Haut leichter zu verstoffwechseln. Der Körper kann besser damit umgehen. Allergien oder Irritationen auf konventionelle Kosmetika sind dagegen bei uns in der Praxis Alltag.“

Naturkosmetik gibt es auch ohne Duftstoffe

Für Menschen mit allergischer oder sehr sensibler Haut bieten einige Naturkosmetikhersteller Serien an, deren Produkte ohne Pflanzenauszüge und ätherische Öle auskommen. Dazu gehören:

CMD (Neutral, mit Salz vom Toten Meer sowie Rio de Coco), I&M (Freistil duftneutral), Lavera (Neutral und Baby & Kinder neutral), Logona (Pur) und Martina Gebhardt (Sheabutter-Serie). Viele andere Hersteller haben einzelne Produkte ohne Pflanzenauszüge oder Duftstoffe im Programm. Fast alle geben die Zutaten nicht nur im Englisch/Latein der vorgeschriebenen INCI-Deklaration an, sondern auch auf Deutsch. Allergiker können bei den angegebenen Servicenummern auf der Verpackung um Rat fragen oder im Zweifelsfall ihren Allergiepass zur Abklärung an den Hersteller schicken. Wer sich nicht sicher ist, ob die Haut eine bestimmte Creme verträgt, sollte damit drei Tage lang die Innenseite eines Oberarms eincremen und sie anschließend drei Tage beobachten. Zeigen sich keine Symptome, kann man die Creme verwenden.