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Naturkosmetik-Wissen

Betörend oder störend?

© istockphoto
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Duftstoffe betören die Sinne, können aber auch die Haut reizen. Deshalb will die EU synthetische Düfte und Naturextrakte künftig stärker beschränken. Schützt das Allergiker wirklich besser? // Astrid Wahrenberg, Frauke Werner

Die Nase entscheidet mit, wenn wir Duschgel, Körperlotion oder Gesicht­s­creme kaufen. Deshalb sind Duftstoffe in Kosmetik so beliebt. Und Düfte beeinflussen auch unsere Stimmung: Zitrus- und Orangennoten sollen belebend wirken, Lavendeldüfte beruhigend, Vanille harmonisierend. Doch immer mehr Menschen reagieren allergisch auf Duftstoffe, EU-weit sollen es zwei Prozent der Bevölkerung sein.

Daher müssen bei Kosmetik seit einigen Jahren 26 Duftstoffe mit bekanntem Aller­giepotenzial auf der Verpackung aufgelistet sein, sofern sie bestimmte Grenzwerte überschreiten. Diese Liste will die Europäische Kommission um 82 Duftstoffe erweitern – um Allergiker besser zu schützen. Drei weitere Substanzen will sie ganz verbieten, für insgesamt 20 Duftstoffe und natürliche Extrakte soll es Grenzwerte geben. Grund dafür ist ein Gutachten des Wissenschaftlichen Ausschusses „Verbrauchersicherheit“ der EU (SCCS) aus dem Jahr 2012 zum Allergie­risiko von Kosmetika.

„Verwirrung absehbar“

„Von dem derzeitigen Vorschlag einer Deklarationserweiterung sind fast alle parfümierten naturkosmetischen Produkte betroffen“, urteilt Constanze Stiefel aus der wissenschaftlichen Abteilung von Dr.Hauschka. Die Inhaltsstoff-Angabe (INCI) wird sich also bei den meisten Naturkosmetika deutlich erweitern.

„Natürlich halten wir es für sinnvoll und wichtig, dem Verbraucher alle für ihn notwendigen Informationen zukommen zu lassen, damit dieser individuell verträgliche Produkte auswählen kann“, so Constanze Stiefel. Was allerdings im ers­ten Moment als sinnvolle Zusatzinformation erscheine, ließe sich in der Praxis derzeit noch gar nicht umsetzen, denn Hautärzte könnten momentan nur knapp die Hälfte der zur Deklaration vorgeschlagenen Stoffe testen.

Ähnlich sieht das Heinz-Jürgen Weiland vom Vorstand Forschung & Entwicklung der Logocos Naturkosmetik AG: „Der Allergiker wird in der Regel nicht wissen, worauf er eigentlich allergisch ist. Alle Substanzen auszutesten wird nahezu unmöglich sein, wenn die Vergleichssubstanzen überhaupt jemals zur Verfügung stehen.“ Größte Verwirrung sei vorprogrammiert. „Mit Verbraucherschutz hat das unserer Meinung nach nichts mehr zu tun!“

Schwierigkeiten gibt es auch beim Nachweis der Duftstoffe. „Wir arbeiten ja mit ätherischen Ölen, die aus vielen Einzelbestandteilen bestehen“, gibt Sabine Kästner von Lavera zu bedenken. „Ein Wildrosenöl zum Beispiel hat mehr als 340 Einzelbestandteile. Daher muss es eine Vorgabe geben, welche einheitliche Messmethode hier anzusetzen ist.“ Ohne standardisierte Testmethoden aber ist eine behördliche Kontrolle der EU-Vorgaben nicht möglich.

Die Hersteller beschäftigt darüber hinaus die Frage, wie sie die vielen Substanzen auf Tuben und Tiegeln deklarieren sollen. „Wir setzten aus ökologischen und ökonomischen Gründen vermehrt kleine Verpackungen ein“, sagt Constanze Stiefel. „Da ergeben sich erhebliche, teils unlösbare Platzprobleme.“

Was die drei verbotenen Substanzen angeht, so ist HICC ein künstlicher Duftstoff, der für Naturkosmetik sowieso nicht in Frage kommt. Atranol und Chlor­atranol sind natürlicher Herkunft, sie sind Bestandteile von Eichen- und Baummoos. In Naturkosmetik werden sie aber nur noch selten eingesetzt.

Ätherische Öle bedroht

Weitreichende Auswirkungen wird vor allem die Festlegung von Grenzwerten haben, gerade im Bereich der Naturkosmetik. Die soll es für 12 Duftstoffe und 8 natürliche Extrakte geben, da sie bei direktem Kontakt mit Licht und Luftsauerstoff mit der Zeit allergene Peroxide bilden können. Man dürfte sie dann nur noch in so geringen Mengen verwenden, dass das einem Verbot vieler Naturdüfte nahekommt.

Betroffen sind so beliebte Noten wie Limonene und Geraniol, die in ätherischen Ölen von Zitrusfrüchten, Rosen oder Lavendel vorkommen ebenso wie Extrakte von Yasmin und Sandelholz, Ylang-Ylang- und Nelkenöl. Wird die Mengenbeschränkung Gesetz, müssen Hersteller von Naturkosmetik ihre Rezepturen umstellen – und viele Kunden auf den lieb gewonnenen Duft ihrer Kosmetiklinie verzichten. Konventionelle Firmen haben es da leichter. Sie können einzelne Duftbausteine einfach ersetzen oder neue im Labor synthetisieren.

Duftstoff contra Duftmix

Martina Gebhardt hält den Entwurf für einen Versuch der konventionellen Kosmetikindustrie mit ihrer starken Lobby auf den Gesetzgeber einzuwirken, damit die erfolgreiche Naturkosmetik ein schlechtes Image bekommt. Sie fordert eine Unterscheidung zwischen ätherischen Ölen und den oft synthetisch hergestellten Einzelduftstoffen. „Die Ganzheitlichkeit eines ätherischen Öls wirkt anders auf den Menschen als ein isolierter Einzelduftstoff“, ist ihre Überzeugung.

Dieser Meinung sind auch andere Naturkosmetik-Hersteller. Wala verweist auf seine Studie aus dem Jahr 2004, nach der ein positiver Test beim Hautarzt noch lange nicht bedeuten muss, dass entsprechende Alltagsprodukte eine Hautreaktion hervorrufen. So wurden unterschiedliche ätherische Öl-Mischungen, die für die Dr.Hauschka-Produkte eingesetzt werden, bei 20 Duftstoffmix-Allergikern getestet. Dabei sei es zu keiner einzigen Hautreaktion gekommen, trotz ausgewiesener Allergie.

Und der Naturkosmetik-Branchenverband Natrue berichtet: Auf eine Million verkaufte Produkte mit Natrue-Siegel gäbe es im Durchschnitt nur drei Rückmeldungen über Hautreaktionen.

Bis zum 14. Mai diesen Jahres konnten Verbände und Hersteller Stellungnahmen zu den EU-Plänen einreichen, mit einem Gesetz ist frühestens Ende 2014 zu rechnen. Dann müssen Unternehmen innerhalb von drei Jahren ihre Inhalts­­stofflisten anpassen und Produkte, die die drei verbotenen Stoffe enthalten, vom Markt nehmen.

Das Festsetzen der Grenzwerte für die betroffenen Duftstoffe und ätherischen Öle wird längere Zeit in Anspruch nehmen und bis dahin nicht abgeschlossen sein. Dazu sind weitere wissenschaftliche Arbeiten erforderlich.

Bei all der Diskussion um Duftstoffe und ätherische Öle darf man eines nicht vergessen: Sie sind nur eine mögliche Allergiequelle. Konventionelle Kosmetik enthält häufig viele andere Substanzen mit hautreizendem Potenzial. Dazu gehören etwa chemisch-synthetische Konservierungsstoffe und Emulgatoren sowie chemische UV-Filter. Die alle kommen Herstellern von Naturkosmetik nicht in Tube und Tiegel.

Info : Das Allergierisiko klein halten

Wer sensible Haut hat, sollte neue Produkte immer zuerst in der Armbeuge testen. Zeigt sich eine allergische Reaktion, hilft nur, die betreffende Creme oder das Deo zu meiden. Alternativ bieten viele Naturkosmetik-Hersteller Pflegelinien ohne Duftstoffe an.

Tuben und Tiegel stets sofort nach Gebrauch gut verschließen! Denn ätherische Öle reagieren mit Sauerstoff und entwickeln häufig erst dabei ein allergenes Potenzial.

Wie für Kosmetik gilt derzeit auch für Wasch- und Putzmittel: Die 26 als besonders häufig Allergie auslösend eingestuften Duftstoffe müssen ab einer Konzentration von 0,01 Prozent deklariert werden. Bei Produkten zur Raumbeduftung brauchen die Hersteller keine Angaben dazu machen.

Ob Duftstoffe auch beim Einatmen allergische Symptome hervorrufen können, hat das Umweltbundesamt unter anderem in einer Studie untersucht. Aus dieser Studie ergaben sich keine Hinweise darauf, dass Menschen, deren Haut auf einen bestimmten Duftstoff allergisch reagiert, beim Einatmen desselben Duftes allergi­sche Symptome entwickeln.