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Naturkosmetik-Wissen

Geld oder Leben?

© istockphoto
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Wer in China Kosmetik verkaufen will, muss seine Produkte an Tieren testen lassen. Viele konventionelle Kosmetikkonzerne akzeptieren das und machen fleißig Umsatz. Naturkosmetik hingegen setzt ein Zeichen und zeigt, dass Profit nicht alles ist. // Leo Frühschütz

Premiere auf der NaturkosmetikMesse Vivaness in Nürnberg: Das chinesische Staatsradio interviewt einen mittelständischen NaturkosmetikHersteller. Dass die Journalisten aus dem Reich der Mitte am Stand der Logocos AG auftauchten, hatte seinen Grund. Firmenchef Ulrich Grieshaber hatte vor kurzem den Rückzug der Marken Logona, Sante und Heliotrop vom chinesischen Markt verkündet. Wegen der dort verpflichtend vorgeschriebenen Tierversuche. Nun wollten die Journalisten von ihm wissen, was er sich dabei gedacht hatte. „Das Thema Tierschutz ist mir persönlich sehr wichtig. Wenn Tierrechte so verletzt werden, wie es offenbar noch immer in China der Fall ist, gibt es für uns keine Alternative, als uns konsequent aus diesem Markt zurückzuziehen“, hatte Ulrich Grieshaber im November 2013 verkündet und damit einen kleinen Erdrutsch ausgelöst.

Zwei Wochen später stellte der Herstellerverband BDIH klar, dass Tierversuche für den Export nach China seinem Standard „Kontrollierte Naturkosmetik“ widersprechen. Anfang diesen Jahres folgte der zweite große Naturkosmetik-Verband Natrue diesem Beispiel.

Kein China-Export mehr

Produkte, die eines der beiden Logos tragen, dürfen künftig in China nicht mehr verkauft werden – es sei denn, der Hersteller kann nachweisen, dass dafür keine Tierversuche notwendig waren.

Nach Angaben von Weleda ist das bei Handseifen und Zahnpflege der Fall, weshalb man dieses Sortiment weiter verkaufe. Mit anderen Kosmetika hatte sich der Hersteller schon vor längerem aus China zurückgezogen. Auch die Marke Lavera hat sich komplett vom chinesischen Markt verabschiedet. Und der Hersteller Kneipp wird ab sofort keine Kosmetik in China registrieren lassen.

Bewusst verzichtet

Viele Naturkosmetik-Marken hatten schon immer bewusst die Finger von China gelassen. Sabine Beer, die Geschäftsführerin von Santaverde, sagt dazu: „China fordert ja schon seit langem Tierversuche für Kosmetikprodukte.“ Der Export dorthin sei immer schon mit einer Akzeptanz von Tierversuchen einhergegangen, deshalb habe sie sich von Beginn an dagegen entschieden. Martina Gebhardt äußert sich ähnlich: „Die gängige Praxis zur Registrierung der Produkte für den chinesischen Markt ist bekannt und war der Grund dafür, weshalb Martina Gebhardt den chinesischen Markt nicht belieferte, obwohl wir in den vergangenen fünf Jahren intensiv durch Großhändler beworben wurden.“

Viele Anfragen abgelehnt

Auch Stephan Becker von Benecos erklärt, seine Firma habe von Anfang an auf den chinesischen Markt verzichtet: „Wir haben hierzu auch viele Anfragen aus China abgelehnt und somit aufgrund unserer strikten Philosophie einen sicherlich großen und interessanten Markt aus unserem Fokus genommen.“ Auch die Firma Primavera erklärt: „Aufgrund der für uns nicht akzeptablen Forderung der chinesischen Behörden nach Tierversuchen kam und kommt dieses Land für uns als Exportmarkt nicht in Frage.“

Die Firmen Cattier, Speick, Eubiona, Alva, Tautropfen, Eco Cosmetics, Lakshmi, Luvos, I+M, Safeas, Bioturm, Dr. Niedermaier, Taoasis, Schoenenberger sowie eine ganze Reihe kleinerer Naturkosmetik-Hersteller haben ebenfalls erklärt, dass sie nicht nach China liefern.

Bei Dr.Hauschka war man sich der Problematik ebenfalls bewusst, aber auch der Nachfrage aus China: „Auf der Online-Plattform Taobao.com, dem chinesischen Ebay, boten Privatpersonen Dr.Hauschka-Produkte an“, berichtete Pressesprecherin Inka Bihler-Schwarz. Zusammen mit einer auf China spezialisierten Beratungsagentur fand das Unternehmen eine Lösung: Chinesen können Dr.Hauschka-Kosmetik nur über einen Webshop kaufen, der in eine chinesische Dr.Hauschka-Webseite integriert ist. Betrieben wird der Shop von Hongkong aus. „In Hongkong gelten andere gesetzliche Bestimmungen, die keine Tierversuche vorschreiben“, erklärt Inka Bihler-Schwarz. Das liegt an dem Sonderstatus, den die Stadt genießt, seit sie 1997 von Großbritannien an China zurückgegeben wurde.

Auch die Marken Melvita und Farfalla sind aus diesem Grund in Hongkong, aber nicht in China erhältlich.

Der 21 Milliarden-Markt

China ist ein riesiges Geschäft. Der Kosmetikmarkt wächst dort jährlich um 20 Prozent. 2012 gaben die Chinesen rund 21 Milliarden Euro für Kosmetik aus. Auf einen solchen Markt zu verzichten, kommt teuer. „Mittelfristig wird uns am Ende wohl ein zweistelliger Millionenbetrag beim Umsatz fehlen“, prognostiziert Ulrich Grieshaber für Logocos. Den Reibach machen stattdessen andere. 2010 teilten sich fünf große internationale Kosmetik-Konzerne mit ihren bekannten Marken 40 Prozent des chinesischen Marktes: Procter&Gamble, L’Oréal, Shiseido, Unilever und Amway. Doch sie bekämen zunehmend Konkurrenz durch heimische Marken, heißt es in einem Report der Business School Insead. L’Oréal löst das auf seine Weise. Der Konzern hat zu Beginn des Jahres für mehr als 600 Millionen Euro den chinesischen Marktführer für Gesichtsmasken gekauft.

Die internationalen Kampagnen für tierversuchsfreie Kosmetik gehen weiter. Einen kleinen Schritt hat sich die zuständige chinesische Behörde immerhin schon bewegt: Ab Juni 2014 müssen Hersteller, die in China produzieren, für Alltagskosmetik wie Lotionen oder Shampoos keine Toxizitätstests am Tier mehr durchführen– wenn sie die Sicherheit ihrer Zutaten anderweitig nachweisen können. Das öffnet die Türen für alternative Testmethoden. Doch die NaturkosmetikMarken werden erst zurückkehren, wenn der chinesische Kosmetikmarkt komplett tierversuchsfrei ist.

Keine Tierversuche!

Kampagnen für tierversuchsfreie Kosmetik

In der EU sind Tierversuche für Kosmetik verboten. Das gilt für Endprodukte schon seit 2004 und für Zutaten seit 2009. Die letzten Ausnahmen liefen 2013 aus. Bisher sind nur Israel und Indien diesem Beispiel gefolgt. In den meisten anderen Ländern, darunter den USA, sind Tierversuche für Kosmetik immer noch erlaubt, aber nicht vorgeschrieben. Inspiriert von den EU-Regelungen haben internationale Tierrechtsorganisationen weltweit neue Kampagnen für tierversuchsfreie Kosmetik gestartet. Dabei rückte China immer stärker in den Fokus. Wer dort Kosmetika auf den Markt bringen will, muss die Produkte registrieren lassen. Dafür verlangt die zuständige Behörde verpflichtend Tierversuche.

Um das zu ändern, haben das Unternehmen Logocos und die Tierrechtsorganisation Peta eine Online-Petition gestartet: Die auf www.dem-leben-verpflichtet.com gesammelten Unterschriften sollen dem chinesischen Botschafter in Berlin und dem deutschen Außenminister überreicht werden.