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Naturkosmetik-Wissen

Haltbar auch ohne Chemie

Keime in Naturkosmetik

Keime mögen Kosmetik. So schützen Naturkosmetik-Hersteller ihre Produkte – und Sie. // Leo Frühschütz

Synthetische Konservierungsstoffe sind für Naturkosmetik tabu. Sie ist frei von hormonell wirksamen Parabenen, leberschädigendem Phenoxyethanol und Substanzen, die krebserregendes Formaldehyd abspalten. Für die Verbraucherinnen ist das ein großer Vorteil, für die Hersteller eine Herausforderung. Schließlich sollen Naturkosmetika ebenso haltbar sein wie konventionelle Produkte.

Besonders wichtig ist eine saubere Herstellung. „Wenn die Zutaten frei von Keimen sind, dann gelangen sie gar nicht erst ins Produkt“, erklärt Martina Gebhardt. Bei ihr kommen alle Zutaten  durch eine UV-Licht-Schleuse in die Verarbeitung. Die Tiegel und Spender aus Opalglas durchlaufen einen Hitzesterilisator. Selbst die von der Klimaanlage eingeblasene Luft wird mit UV-Licht entkeimt. Erst wenn der hauseigene Mikrobiologe die Produkte getestet hat, kommen sie in den Verkauf.

Spannend wird es, sobald das gekaufte Produkt im heimischen Badezimmer mit Luft in Berührung kommt. Die enthält immer auch Bakterien und Pilze. Diese Mikroorganismen brauchen Wasser und ein neutrales Milieu, um sich zu vermehren. Wasserfreie Produkte wie Lippenstifte, Massageöle oder Seifen bieten Keimen kaum Lebensraum. Doch je mehr Wasser im Produkt enthalten ist, desto stärker muss die Konservierung sein.

Sind Zutaten keimfrei, ist‘s die Kosmetik auch

Wichtige konservierende Zutaten in Naturkosmetika sind Alkohol und ätherische Öle. Bis zu zehn Prozent Alkohol sind – je nach Wasseranteil und Zutaten – nötig, um eine Lotion zu konservieren. Oft setzen Firmen wässrig-alkoholische Heilpflanzenauszüge ein und haben damit automatisch genug Alkohol im Produkt, meist in Bio-Qualität. Auch die ätherischen Öle zahlreicher Heilpflanzen wirken gegen Bakterien. Die Kunst besteht darin, die Öle so zu kombinieren, dass die Mischung ein breites Wirkungsspektrum aufweist und dennoch gut riecht. Doch für Produkte mit hohem Verkeimungsrisiko reicht das nicht.

„In unserem Maximum Volume Mascara wirken mehrere Stoffe gegen Mikroorganismen“, sagt Christina Velten, Leiterin der Qualitätssicherung bei Cosmondial, Hersteller der Marke Benecos. „Das sind Alkohol, Rosmarinextrakt, natürliches Parfumöl und Glyceryl Caprylate.“ (siehe Interview) In anderen Benecos-Mascaras hilft ein Salz der Levulinsäure mit oder Silber.

Alle diese aus pflanzlichen Rohstoffen hergestellten Substanzen gelten wegen ihrer vielfältigen Eigenschaften nicht als Konservierungsstoffe. Doch die Naturkosmetik-Standards erlauben auch den Einsatz einiger naturidentischer Konservierungsstoffe wie Benzoesäure oder Sorbinsäure. Sie kommen in der Natur vor, etwa in Vogel- oder Preiselbeeren, werden aber chemisch aus Erdölrohstoffen hergestellt. Ihren Einsatz müssen die Hersteller mit einem „konserviert mit...“-Schriftzug deklarieren. In der Praxis spielen sie nur bei Shampoos oder Duschgelen eine Rolle, wenn der Hersteller auf Alkohol verzichtet.

Die meisten Hersteller mischen ihre Konservierungscocktails nicht selbst, sondern nutzen die Erfahrung spezialisierter Firmen (siehe Interview). Auch wer Cremes selbst anrührt, greift auf deren Produkte zurück. Solche Naturkosmetik-konformen Konservierer gibt es nämlich auch in passenden Do-It-Yourself-Größen.

Aino Simon vertreibt mit Coscoon DIY-Sets in Bioläden, braucht allerdings für ihre wasserfreien Produkte keine Konservierer. Doch mit der Luft gelangt auch Sauerstoff an die Produkte, der wertvolle Zutaten wie Öle und Wirkstoffe oxidieren kann. „Wir stabilisieren die Fette mit Tocopherol, also Vitamin E, das reicht bei der Körperbutter für eine Haltbarkeit von sechs Monaten“, erklärt Aino Simon.

Am empfindlichsten sind die ätherischen Öle

David Hauck hat für seine Dr. Hauck Kosmetik mit StoppOx einen eigenen Oxidationsschutz entwickelt, unter anderem mit Hopfen und einer aus Reisschalen gewonnenen Substanz. „Am empfindlichsten sind ätherische Öle“, sagt er. Aber auch pflanzliche Wirkstoffe oder mehrfach ungesättigte Fettsäuren etwa in Nachtkerzenöl würden leicht vom Sauerstoff angegriffen. „Oxidierte Inhaltsstoffe können die Haut reizen, in manchen Fällen sogar für Allergien sensibilisieren“, erklärt Hauck. Da muss die Creme noch nicht mal ranzig riechen. Auf Nummer sicher geht, wer Cremes in sechs Monaten aufbraucht.

So bleibt die Creme frisch

Kosmetika, die ungeöffnet bis zu 30 Monate haltbar sind, tragen ein Mindesthaltbarkeitsdatum, oft in Form einer Sanduhr. Was länger hält, braucht kein Datum, aber ein Piktogramm: ein geöffneter Cremetopf mit einer Zahl drin. Sie gibt an, wie viele Monate das Produkt nach dem Öffnen haltbar ist. Bei Naturkosmetika können Sie mindestens mit drei bis sechs Monaten rechnen. Manche Hersteller geben auch 12 Monate an, etwa für wasserfreie Produkte. Grundsätzlich gilt:

- Beim Anbrechen eines Produkts das Datum auf die Verpackung schreiben. - Im Zweifelsfall schnuppern. Ein ranziger, säuerlicher Geruch zeigt an, dass die Creme in die Tonne gehört.

- Auch die Verpackung schützt: Airless-Spender aus Glas sind am wirkungsvollsten, gefolgt von solchen aus Kunststoff und Tuben. Wenn Sie Tiegel kaufen, dann in kleinen Größen, und benutzen Sie einen Spatel.

Ein Partner für natürliche Lösungen

Wilfried Petersen
Wilfried Petersen ist Geschäftsführer
von Evonik Dr. Straetmans.
Das Unternehmen entwickelt
Konservierungs­systeme für die
Kosmetikbranche.

Dr. Straetmans entwickelt Zutaten, die Naturkosmetik haltbar machen. Geschäftsführer Wilfried Petersen sagt im Interview, was es dabei zu beachten gilt. // Leo Frühschütz

Herr Petersen, wie kam Dr. Straet­mans zur Naturkosmetik?

Das Unternehmen wurde 1984 gegründet und hat sich früh mit Konservierungssystemen beschäftigt. Wir haben uns immer als Problemlöser für die Kosmetikindustrie verstanden. Die Naturkosmetik-Hersteller waren in den 90er-Jahren mit vielfältigen Problemen konfrontiert. Wir sahen darin ein großes Innovationspotenzial.

Was waren die Herausforderungen?

Bei Naturkosmetik ist das Spektrum der erlaubten Stoffe stark eingeschränkt. Es brauchte innovative Lösungen mit Rohstoffen auf pflanzlicher Basis, nicht nur für die Konservierung, sondern auch Emulgatoren, die Öl und Wasser verbinden oder Komplexbildner, die unerwünschte Substanzen aus dem Verkehr ziehen. Auch dank unserer Entwicklungen gibt es heute in der Ästhetik der Produkte kaum Unterschiede zu konventioneller Kosmetik.

Wie funktioniert die Konservierung?

Stoffe, die antimikrobiell wirksam sind, haben auch negative Eigenschaften. So ein Stoff ist ja dazu gedacht, dass er lebende Zellen in irgendeiner Form angreift. Es braucht die Balance zwischen erwünschter Wirkung und Nebenwirkung, ansonsten steigt das Irritationsrisiko für die Haut.

Wie wird Naturkosmetik konserviert?

Es gibt viele Stoffe mit antimikrobiellen Eigenschaften: ätherische Öle, organische Säuren oder Alkohol. Wir sprechen von multifunktionellen Stoffen, weil sie nicht nur konservieren, sondern im Produkt auch andere Aufgaben übernehmen. Glyceryl Caprylate zum Beispiel dient als Co-Emulgator, wirkt rückfettend und feuchtigkeitsregulierend, hält aber auch Keime in Schach.

Welcher Stoff kommt in die Tube?

In der Regel ist es ein Cocktail aus mehreren Stoffen. Heutige Konzepte sind gut abgestimmt auf den jeweiligen Einsatzzweck. Man muss für die Konservierung großes Know-how mitbringen, das Wirkungsspektrum der einzelnen Substanzen kennen und sie gut verknüpfen, ohne einzelne Stoffe überzudosieren.

Sie beliefern auch konventionelle Hersteller. Nähern die sich der Naturkosmetik-Konservierung an?

Es gibt Hersteller, die auf Konservierungsstoffe, die in der Kritik stehen wie etwa Parabene, verzichten wollen und nach anderen Lösungen suchen. Doch die Bereitschaft, mehr Geld auszugeben für naturnahe Lösungen ist in der konventionellen Kosmetik nicht so hoch. Pflanzenbasierte Konservierungssys­teme sind meist teurer als die, deren Rohstoffe aus Erdöl hergestellt wurden.

Sind Ihre Konservierunsgssysteme zertifiziert?

Natürlich müssen die einzelnen Rohstoffe Naturkosmetik-konform sein. Darauf achten wir schon bei der Entwicklung. Die Zertifizierung der Rohstoffe ist nicht zwingend erforderlich, es erleichtert aber dem Hersteller die Arbeit, wenn unser Produkt ein Zertifikat hat, das er nur noch vorlegen muss.

Auf was achten die Zertifizierer?

Sie prüfen insbesondere, ob der Herstellungsprozess der einzelnen Substanz den Standards genügt. Bestimmte chemische Verfahren sind ebenso ausgeschlossen wie petrochemische Ausgangsstoffe. Die Angabe in der Deklaration der Inhaltsstoffe alleine sagt über die Herstellung nichts aus.