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Naturkosmetik-Wissen

Hintergrund: Ohne Gentechnik – ODER?

Naturkosmetik ohne Gentechnik?

Gentechnik ist in Naturkosmetik tabu. Ganz umgehen lässt sie sich aber nicht immer. // Leo Frühschütz

die meisten Menschen in Deutschland lehnen gentechnisch veränderte Pflanzen und Tiere ab. Sie schaden Umwelt und Gesundheit und nutzen nur den großen Konzernen, die sie herstellen, so die Befürchtungen. Deshalb haben gentechnisch veränderte Lebensmittel bei uns immer dann keine Chance, wenn sie deklariert werden müssen und der Kunde sie erkennen kann. Bei Kosmetik ist keine Deklaration vorgeschrieben. Auch nicht bei Naturkosmetik. Ist da Gentechnik drin?

Um das herauszufinden, muss man zwischen verschiedenen Arten von Stoffen unterscheiden: Zutaten wie Heilpflanzen, die direkt verarbeitet werden, pflanzlichen Rohstoffen, aus denen Wirkstoffe hergestellt werden, sowie Enzymen und Mikroorganismen, die dabei eingesetzt werden. Bei Heilpflanzen wie Aloe vera gibt es keine gentechnisch veränderten (gv) Varianten. Für Pflanzen, aus denen wichtige Zutaten für Kosmetik gewonnen werden, sieht das anders aus: Weit verbreitet sind Gentech-Sorten bei Mais, Raps und Soja, die in Nord- und Südamerika angebaut werden. Mais liefert die Stärke, aus der Zucker für Zuckertenside gewonnen wird. „Coco Glucoside“ oder „Lauryl Glucoside“ steht dann im Verzeichnis der Inhaltsstoffe.

Gentech-Varianten von Aloe Vera gibt es nicht

Auch das Feuchthaltemittel Sorbitol oder pflanzliches Kollagen können aus Mais hergestellt werden. Sojabohnen liefern Sojaöl, Lecithin, Liposome, Isoflavone sowie Eiweiß für Wirkstoffe. Dazu kommt: Viele Kosmetik-Wirkstoffe werden mit Hilfe von Mikroorganismen in Tanks, sogenannten Fermentern hergestellt. Dort schwimmen Bakterien, Pilze oder Hefen in einer Nährlösung und produzieren daraus die gewünschten Wirkstoffe. Diese Nährlösungen enthalten häufig Zucker aus gv-Mais oder aus Zuckerrüben. Und auch die Mikroorganismen selbst wurden oft gentechnisch so verändert, dass sie den gewünschten Wirkstoff in höherer Konzentration herstellen. Im aufgereinigten Wirkstoff sind diese gv-Mikroorganismen nicht mehr enthalten.

Unter diesen Umständen ist es wahrscheinlich, dass sich in konventioneller Kosmetik Zutaten finden, die aus gentechnisch verändertem Mais oder Soja hergestellt oder von gentechnisch veränderten Mikroorganismen produziert wurden. Hersteller von Naturkosmetik lehnen die Gentechnik dagegen ab. Deswegen verbieten alle Naturkosmetikstandards den Einsatz gentechnisch veränderter Zutaten. Das gilt auch für Inhaltsstoffe, die aus Mais, Soja oder Raps hergestellt wurden.

„Hier müssen die Hersteller gegenüber dem Zertifizierer die Gentechnikfreiheit nachweisen, etwa durch Bescheinigungen der Vorlieferanten oder durch Analysen der Ausgangsstoffe“, erklärt Roland Grandel, der beim Herstellerverband BDIH für Naturkosmetik-Zertifizierungen nach dem internationalen Cosmos-Standard zuständig ist. „Auch zu biotechnologisch hergestellten Rohstoffen müssen Bestätigungen im Cosmos-Rohstoff-Fragebogen erfolgen“, erläutert Grandel. Die Hersteller müssen belegen, dass im Fermenter keine gv-Mikroorganismen und keine gentechnisch veränderten Substrate in den Nährmedien verwendet wurden. Das gilt beim Cosmos- wie auch beim Ecocert-Standard (siehe hier).

Ausnahmen für drei Substanzen sind erlaubt

Der Standard des Naturkosmetikverbandes Natrue erlaubt derzeit Ausnahmen für drei Substanzen. Für sie gebe es auf dem Markt in der gewünschten Qualität keine gentechnikfreien Alternativen mehr, sagt Natrue-Zertifizierungsexpertin Hana Mušinović. Das seien L-Glutaminsäure, Ascorbinsäure und L-Arginin sowie daraus hergestellte Inhaltsstoffe wie Sodium Stearoyl Glutamate. Die Substanz macht Haare leichter kämmbar und findet sich in einigen Naturkosmetik-Shampoos.

Eine generelle Ausnahmeregelung gibt es bei Cosmos und Natrue für die Enzyme, die im Fermenter in der Nährlösung schwimmen. Die meisten dieser Enzyme werden mit Hilfe gentechnisch veränderter Mikroorganismen hergestellt – ein Ausweichen ist nicht möglich. „Meist handelt es sich bei den dabei hergestellten Produkten um Rohstoffe aus der Lebensmittelindustrie wie Stärken und Zuckerarten“, erklärt Grandel vom BDIH. „Auch bei der Verwendung in Lebensmitteln müssen die verwendeten Enzyme nicht deklariert werden.“ Die Enzyme selbst und die gv-Organismen, die sie herstellten, sind in der fertigen Zutat nicht mehr enthalten.

Neues aus dem Gentechnik-Labor

Mit gentechnischen Verfahren wie der Gen-Schere Crispr/Cas lassen sich Pflanzen immer genauer manipulieren. In den USA ist zum Beispiel eine Leindottersorte zugelassen, deren Fettsäuremuster künstlich geändert wurde. Das Öl der Pflanze könnte, sobald sie kommerziell angebaut wird, auch für Kosmetik verwendet werden. Das Schweizer Unternehmen Evolva entwirft neue künstliche Hefen, die Inhaltsstoffe wie Vanillin herstellen. Für den Kosmetikkonzern L’Oréal entwickelt Evolva einen Hefestamm, mit dem, so Evolva, „ein strategisch wichtiger kosmetischer Inhaltsstoff“ kos- tengünstig hergestellt werden soll.

Während das noch Zukunftsmusik ist, gibt es andere Gentech-Rohstoffe bereits: Das US-Unternehmen Solazyme konstruierte Algen, die aus Zucker Öle und Fettsäuren herstellen, die sich zu Seifen verarbeiten lassen. Für Naturkosmetik bleibt das alles tabu.

Erschienen in Ausgabe 11/2019