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Naturkosmetik-Wissen

(K)eine Kleinigkeit

© istockphoto
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Etliche Alltagsprodukte enthalten bereits winzige Nanoteilchen – meist ohne unser Wissen. In Kosmetik müssen sie seit 2013 deklariert werden. Beliebt sind die Nanopartikel vor allem beim Sonnenschutz – auch in Naturkosmetik? // Astrid Wahrenberg

Nanopartikel sind überall. Die fürs menschliche Auge unsichtbaren Teilchen entstehen bei Verbrennungsprozessen, zum Beispiel bei Waldbränden und Vulkanausbrüchen. Sie stecken im Rauch von Zigaretten und in Dieselruß. Nanoklein sind etwa auch manche Viren und Pflanzenpollen.

Nanoteilchen, damit sind meist Partikel gemeint, die weniger als 100 Nanometer messen, wobei ein Nanometer (nm) der millionste Teil eines Millimeters ist. Seit einigen Jahren produziert die Industrie die Winzlinge massenhaft. Damit gelangen sie verstärkt in unsere Umwelt.

Die Nanotechnologie gilt als Schlüsseltechnologie des 21. Jahrhunderts. Forscher hoffen, dass sie damit drängende globale Probleme lösen können. So untersuchen sie Systeme, die mit Hilfe von Nanoteilchen saubere Energie aus Sonne oder Wind speichern oder verschmutztes Wasser reinigen. Auch in der Medizin erhofft man sich bahnbrechende Veränderungen. So könnten etwa Nanokapseln Wirkstoffe wie ein Taxi gezielt zu kranken Zellen bringen.

Wo ist Nano bereits drin?

In Alltagsprodukten ist die Nanotechnologie längst angekommen. Sie verleiht beispielsweise Wand- und Fassadenfarben schmutzabweisende Eigenschaften Schuhe und Outdoor-Jacken werden damit wasserdicht, Autolacke kratzfest, Socken mit nanokleinem Silber sollen Schweißgeruch unterdrücken.

Im Essen gebe es derzeit noch keine Nanomaterialien, erklärte eine Sprecherin des Bund für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde (BLL) gegenüber der Wochenzeitschrift „Die Zeit“ im November 2013. Einzige Ausnahme sind die seit langem gebräuchlichen Rieselhilfen in Salz und Fertigsuppen, außerdem etliche Nahrungsergänzungsmittel, wie die Datenbank für Nanoprodukte des Bundes für Umwelt- und Naturschutz Deutschland (BUND) verrät.

Eine allgemeine Kennzeichnungspflicht für Nanoprodukte gibt es bisher nicht. Einzig Nanomaterialien in Kosmetik müssen seit dem 11. Juli 2013 mit dem Hinweis „Nano“ in der INCI-Liste gekennzeichnet werden, wegen ihrer unmittelbaren Anwendung auf der Haut oder in Sprays.

Gesunde Haut scheint nach derzeitigem Wissensstand zwar eine Barriere zu sein, durch geschädigte Haut könnten die Winzlinge jedoch in den Blutkreislauf und in die Leber gelangen, aus Sprays eingeatmet die Lunge und weitere Organe erreichen. Nanoteilchen können sogar bis ins Gehirn vordringen, auch die Plazenta ist kein Hindernis.

Was die nanokleinen Teile im Körper bewirken, ist noch kaum erforscht. Einige Studien zeigen, dass manche Nanostoffe – über die Atmung aufgenommen – die Lunge schädigen, Entzündungen verursachen und vermutlich Krebs auslösen können. Langzeit-Studien gibt es bisher nicht, die Datenlage ist insgesamt dünn.

Lücken im Gesetz

Kritikern geht die Kosmetik-Verordnung daher nicht weit genug. Schon die Definition für Nanomaterialien sei zu eng gefasst, da auch Partikel mit mehr als 100 nm Größe nanospezifische Eigenschaften aufweisen könnten. Weiter bemängeln sie, dass die Verordnung nur solche Stoffe als Nanomaterialien einstuft, die absichtlich hergestellt wurden, unlöslich oder biologisch beständig sind. Nicht unter die Kennzeichnungspflicht fallen hingegen lösliche Nanostoffe wie Mizellen und Liposomen. Solche nanokleinen Fett-Wassertröpfchen gelangen als Transporter für Wirkstoffe in die oberste Hautschicht. Ungeklärt ist zum Beispiel, ob sie Fremdstoffen den Durchtritt in die Haut erleichtern. Der BUND sieht noch weitere Lücken im Gesetz: Sicherheitsbewertungen müssen nur vorgenommen werden, wenn die EU-Kommission Zweifel an der Sicherheit eines Materials hat.

Natur-UV-Schutz ohne Nano

Zu den bedeutendsten Nanopartikeln in Kosmetik zählen die mineralischen Lichtschutzfilter Nano-Titandioxid und Nano-Zinkoxid. Ihre Nanogröße ermöglicht eine besonders gleichmäßige Verteilung der Partikel auf der Haut. Daher sind mineralische Nano-Pigmente in vielen konventionellen Sonnenschutzmitteln zu finden, zusätzlich zu chemischen Filtersubstanzen. Chemische UV-Filter sind für Naturkosmetik tabu. Die Unternehmen Lavera, Eco Cosmetics und Eubiona setzen beim Sonnenschutz allein auf mineralische Pigmente. Und sie verzichten dabei auf Nano. „Wir verwenden schon immer eine Pflege- und Schutzformel, die auch jetzt, mit der neuen Kosmetikverordnung, nicht in die Nano-Deklarationspflicht fällt“, erläutert Sabine Kästner, Pressesprecherin von Lavera.

Auch Eco Cosmetics und Eubiona versichern, dass sie nur Titandioxid einsetzen, das größer als Nano ist. Der Geschäftsführer von Eco Cosmetics, Dieter Sorge, begründet das so: „Wir wissen zur Zeit noch nicht mit 100-prozentiger S­icherheit, ob Nano-Titandioxid unbedenklich ist. Wir wissen auch zu wenig darüber, wie sich die winzigen Teilchen in der Umwelt verhalten.“

Damit sich Sonnencreme oder -milch leicht auf der Haut verteilen lassen und optimal vor UV-Strahlung schützen, haben die Naturkosmetik-Unternehmen viel Zeit in die Entwicklung der Rezepturen gesteckt. Das Ergebnis ist natürlicher Sonnenschutz mit Breitbandschutz vor UVA- und UVB-Strahlen mit Lichtschutzfaktor 15 bis 50plus – ohne Nanoteilchen.

Nano in Kosmetik

Die wichtigste Rolle spielen Nanopartikel momentan im Bereich des Sonnenschutzes: Viele konventionelle Sonnencremes enthalten neben chemischen UV-Filtern auch Nano-Titandioxid. Nano-Hydroxylapatit soll in speziellen Zahnpasten dazu dienen, Risse und poröse Stellen an den Zähnen zu reparieren. Laut Verbraucherportal Baden-Württemberg gibt es für die Nanoform derzeit keine Hinweise auf gesundheitliche Gefahren.

Nano-Silberpartikel, die keimtötend wirken, können in herkömmlichen Seifen und Deos stecken. Das Bundesamt für Risikobewertung (BfR) rät von ihrer Verwendung ab, bis die Datenlage eine abschließende gesundheitliche Risikobewertung zulässt. Fullerene, das sind kugelförmige Kohlenstoffatome, sollen in Anti-Aging-Cremes freie Radikale fangen. Sie sind nicht biologisch abbaubar, über Risiken und Nebenwirkungen ist nur wenig bekannt. Deutsche Firmen, ob für konventionelle oder Naturkosmetik, setzen sie laut einer BUND-Umfrage derzeit nicht ein. Wimperntusche, Lidschatten oder Nagellack können nanofeines Carbon Black (Farbruß) enthalten. Die Nanopartikel sind an die Formulierung gebunden und können nach heutigem Wissen nicht in gesunde Haut eindringen.