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Naturkosmetik-Wissen

Knapp und Kostbar: Rohstoffe

Rohstoffe, Zeichnung Vanille

Zutaten für Naturkosmetik sind heiß begehrt. Die Nachfrage steigt, die Verfügbarkeit sinkt. // Jochen Bettzieche

Lavendel in der Seife, Rosenduft im Shampoo, Wildkräuter in der Gesichtsmaske,  und das alles auf natürlicher Basis – immer mehr Menschen entdecken die Naturkosmetik und lehnen synthetische Ausgangsstoffe und Aromen ab. Doch diese positive Entwicklung fällt in eine Zeit, in der es Hersteller von Bio-Kosmetik immer schwerer haben. Denn die Menge an Rohstoffen wird knapper und der Wettbewerb härter.

Das liegt neben der steigenden Nachfrage an weiteren Faktoren: Einige Ursachen sind zeitlich begrenzt, beispielsweise ungewöhnliche Wetterlagen.  So sind die Folgen der Hitzewelle des Jahres 2018 bereits spürbar. „In diesem Sommer hat vor allem der Kräuteranbau im mediterranen Raum gelitten“, berichtet  Andrea Dahm, Produktmanagerin bei Primavera. Lavendel, Melisse, Muskatellersalbei – von allem gebe es dieses Jahr weniger. Bei Rosen seien 40 Prozent der Ernte ausgefallen.

Gleichzeitig steigt die Nachfrage. Nach Angaben des Marktforschungsinstituts GfK kaufte 2017 fast jeder vierte
Deutsche Naturkosmetik. Und das amerikanische Institut Grand View Research schätzt, dass pro Jahr weltweit 12,2 Milliarden US-Dollar dafür ausgegeben werden – ein Wert, der sich bis 2025 laut Prognose der Marktforscher auf 25,1 Milliarden US-Dollar mehr als verdoppeln wird. In den USA, aber vor allem im asiatisch-pazifischen Raum gibt es immer mehr Käufer.

Bei Rosen sind 40 Prozent der Ernte ausgefallen

Kein Wunder, dass die Pioniere aus dem Naturkosmetik-Bereich finanzkräftige Konkurrenz bekommen haben. Große Kosmetikkonzerne wie L’Oréal – der unlängst den Naturkosmetik-Hersteller Logocos übernommen hat – haben das Geschäft ebenso für sich entdeckt wie Anbieter von Duftstoffen und Aromen. Für Rohstoffhändler sind das wichtige Neukunden. „Wachstum gibt es hauptsächlich durch Firmen oder Lohnhersteller, die neben konventionellen Marken auch Naturprodukte herstellen“, erklärt Verkaufsleiterin Franziska Breisinger des Allgäuer Rohstoffhändlers All Organic Treasures.

Dazu kommt die steigende Nachfrage aus dem Lebensmittelbereich. Auch hier spielen Bio-Komponenten eine immer wichtigere Rolle, und zum Teil überschneidet sich der Bedarf von Kosmetik- und Nahrungsmittelbranche. Konzerne wie Unilever und Nestlé kaufen schon mal ganze Ernten eines Produzenten auf und verarbeiten sie in Lebensmitteln. Gut für den Produzenten, schlecht für die kleinen Naturkosmetik-Hersteller.

Ein Trend in den USA verschärft die Situation zusätzlich. Dort wächst der Markt für Aromatherapie rasant. „Die Preise für ätherische Öle sind um zehn bis 20 Prozent gestiegen, bei manchen exotischen Ölen haben sie sich 2017 verdoppelt“, sagt Bas Schneiders, Leiter strategischer Einkauf bei Weleda. „Immer weniger Produzenten und Lieferanten können sich langfristig auf Preise festlegen“, sagt er. Zu groß ist die Hoffnung, dass die Preise weiter steigen werden, zu groß das Risiko, die geforderte Menge nicht liefern zu können. Wer dann an einen langfristigen Liefervertrag gebunden ist, verkauft unter Marktniveau oder muss eine Konventionalstrafe zahlen.

Vergleichsweise große Hersteller von Naturkosmetik haben Spielraum und können Preissteigerungen in ihrer Produktpalette auffangen. So ist Rosenöl immer teurer als Zitrusöl. Dennoch kosten beispielsweise Rosen- und Zitrusduschgel im Einzelhandel das Gleiche. Der Hersteller verdient nur unterschiedlich viel daran. Kleine, unter Umständen auf wenige Produkte spezialisierte Anbieter, haben diese Möglichkeit nicht und müssen die höheren Preise an die Verbraucher weitergeben.

Mit welch harten Bandagen um Rohstoffe gekämpft wird, zeigt das Beispiel des Berliner Naturkosmetik-Herstellers Fair Squared. „Irgendjemand hat uns 2017 die komplette Mandelöl-Ernte in Pakistan weggekauft“, klagt Firmengründer Oliver Gothe. Glücklicherweise hat er auf die Schnelle Ersatz gefunden.

Kampf um die Ernten mit harten Bandagen

Ebenfalls zum Engpass kann die gesellschaftliche Entwicklung in einer Region führen. So wandern aus osteuropäischen Ländern Menschen in den Westen aus – oder werden wohlhabender. So wohlhabend, dass sie nicht mehr jede Arbeit benötigen. „Da immer noch eine Vielzahl von handelbaren Kräutern wild gesammelt wird, stellt das ein großes Problem dar“, sagt Hartmut Galke, Geschäftsführer beim Rohstoffhändler Alfred Galke. Denn immer weniger Menschen sind bereit, die mühsame Arbeit auf sich zu nehmen.

Kosten schnellen in die Höhe

Wie viele Faktoren den Preis für einen Rohstoff in die Höhe treiben, zeigt das Beispiel Vanille. „Der reguläre Anbau-preis für Vanille liegt im Normalfall bei zirka 130 Euro pro Kilogramm, über die letzten Jahre stieg der Preis auf zirka 200 Euro und in 2017 gab es einen sprunghaften Anstieg auf 700 Euro am Weltmarkt“, sagt Bas Schneiders, Leiter strategischer Einkauf bei Weleda.

Steigende Nachfrage aus der Lebensmittel- und Aromenindustrie, verbunden mit einer schlechten Ernte, ließen die Kosten in die Höhe schnellen. Endverbraucher zahlen hochgerechnet mittlerweile je nach Anbieter mehr als 1.000 Euro pro Kilogramm. Einige Vanille-basierte Produkte sind bereits aus den Regalen verschwunden oder der natürliche Rohstoff wurde durch synthetische Aromen ersetzt.

Und die Schote aus der Orchidee ist nicht das einzige knappe Gut auf dem Markt. Franziska Breisinger, Verkaufsleiterin beim Rohstoffhändler All Organic Treasures, kennt noch mehr Beispiele: „Aktuell kaum verfügbar sind Sacha-Inchi-Öl, schwarzes Johannisbeersamenöl, Sanddornfruchtfleischöl und Teesamenöl.“