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Naturkosmetik-Wissen

Lust und Frust mit dem Duft

Duft (© istockphoto)
(© istockphoto)

Düfte sind dufte! Doch so manchem stinken sie ganz gewaltig – vor allem Allergikern. // Nicole Pollakowsky

Es duftet. Überall. In der Bankfiliale, im Hotelzimmer, im Fitnessstudio. Wer genau hinschnuppert, merkt schnell: Viele Düfte sind kein Zufall. Immer mehr Unternehmen und Institutionen setzen das sogenannte Duftmarketing oder Air Design ein, um einen Wiedererkennungswert zu schaffen, andere Gerüche zu übertünchen, die Stimmung zu heben oder Kaufanreize zu schaffen. So ist eine spezifische Duftnote Teil des Corporate Design beim Modelabel Abercrombie & Fitch. Kunden sollen „ihre“ Jeans quasi am Geruch erkennen können. Die Hotelkette Swissôtel beduftet ihre Häuser ebenfalls mit einer eigenen Kreation. Je nach Standort wird diese Mischung dann um regionaltypische Akzente ergänzt – in Berlin etwa um einen Hauch von Lindenblüten. Auch die Deutsche Bahn erprobt in Zügen den Einsatz von Düften zur Steigerung des Wohlbefindens der Fahrgäste.

Ist das legitim? „Zumindest ist es naheliegend“, findet der Zellbiologe und Geruchsforscher Hanns Hatt von der Ruhruniversität Bochum. Ihm zufolge bestimmen Düfte unser Leben und spielen auch bei Entscheidungen eine wichtige Rolle. „Die Nase hat den direkten Draht zu den ältesten Teilen unseres Gehirns: dem Erinnerungs- und dem Emotionszentrum“, erklärt er. Hier, im sogenannten limbischen System, wird alles abgespeichert: ein Duft ebenso wie die Situation und die Stimmung, in der wir ihn zum ersten Mal wahrgenommen haben. „Wer eine Duftmarke setzt, erzielt daher sehr zuverlässig eine Wirkung“, sagt Hatt und betont: „Das ist keine Erfindung der Industrie. Wir alle betreiben Duftmarketing, sobald wir Parfüm benutzen.“

Die Nase spielt bei Entscheidungen eine wichtige Rolle

Für Ute Leube, Gründerin der Naturkosmetik-Marke Primavera, ist entscheidend, mit welchem Ziel Düfte im öffentlichen und halböffentlichen Raum eingesetzt werden. „Ein altes Auto mit Neuwagenduft zu parfümieren, heißt für mich, den Käufer an der Nase herumzuführen“, so Leube. Gute Erfahrungen hat die Expertin für Aroma-Therapie mit dem Einsatz von Düften in Pflegeeinrichtungen gemacht. Auch von einem Test am Frankfurter Flughafen kann sie Positives berichten. Ein Verbindungstunnel, in dem Menschen zur Platzangst neigten, wurde dabei von Primavera beduftet. „Die Kombination von Duft, angenehmem Licht und Musik hat die Atmosphäre in dem Tunnel deutlich entspannt“, so Leube. Wesentlicher Bestandteil der Primavera-Philosophie ist, dass nur naturreine biologische Pflanzenstoffe für die Duftöle verwendet werden. Ute Leube ist überzeugt davon, dass sie eine andere Wirkung entfalten als synthetisch hergestellte Düfte, deren Einsatz sie skeptisch sieht. Auch Geruchsforscher Hanns Hatt rät zur Vorsicht im Umgang mit künstlichen Düften: „Jeder Duft, den ich einatme – egal ob künstlich oder natürlich – ist nach kurzer Zeit im Blut nachweisbar und breitet sich im ganzen Körper aus.“ Ein synthetisch hergestelltes Parfüm würde sich der Professor daher nie direkt auf die Haut sprühen. „Darüber wie sich Duftstoffe im Körper verhalten, ist noch viel zu wenig bekannt“, sagt er.

Bekannt ist jedoch, dass Duftstoffe bei manchen Menschen Allergien und Unverträglichkeiten auslösen können. Betroffen sind etwa ein bis zwei Prozent der Bevölkerung in Deutschland. „Die leichtflüchtigen Duftstoffe stellen zunehmend ein Problem für Patienten mit hyperreagiblen Atemwegen und sehr empfindliche Personen dar“, sagt Silvia Pleschka, wissenschaftliche Mitarbeiterin beim Deutschen Allergie- und Asthmabund (DAAB). Die Symptome reichen von Herzrasen und Kreislaufstörungen bis hin zu Asthmaanfällen. Sowohl natürliche ätherische Öle als auch synthetische Duftstoffe können der Chemikerin zufolge Augen, Atemwege und Schleimhäute reizen. Das Problem: Herauszufinden, welcher Stoff die Beschwerden auslöst, ist extrem schwierig. Insgesamt sind etwa 3000 Duftstoffe – künstliche wie natürliche – bekannt. Leider, so Pleschka, seien Informationen zur Zusammensetzung und Verwendung der Raumbeduftungsprodukte unzureichend, um empfindliche Personen zu schützen.

jeder Duft, den man einatmet, ist im Blut nachweisbar

Der DAAB plädiert dafür, auf die Beduftung öffentlicher Einrichtungen zu verzichten und Rücksicht auf empfindliche Menschen zu nehmen und fordert eine Information der Kunden, Patienten und Fahrgäste über den Einsatz von Raumbeduftung – noch bevor diese die bedufteten Bereiche betreten.


Düfte beeinflussen die Organe

Über 30 Millionen Riechzellen befinden sich in der menschlichen Nase. Sie analysieren Düfte und melden sie dem Gehirn. Wir können über eine Billion Düfte unterscheiden. Mit seinem Team hat der Bochumer Geruchsforscher Hanns Hatt nachgewiesen, dass Riechrezeptoren im ganzen Körper vorkommen, unter anderem im Darm, in der Leber und auf der Haut. Das bedeutet: Düfte beeinflussen unsere Organe und können beispielsweise zur Wundheilung beitragen, die Verdauung anregen oder in der Tumortherapie eingesetzt werden. Denn laut Hatt stellen auch alle Krebsarten Duftrezeptoren her. Entscheidend dafür, ob wir einen Duft mögen oder nicht, sind die Erfahrungen damit. Nur bei ganz wenigen Düften scheint die Vorliebe angeboren zu sein. Ein Beispiel ist der, den Neugeborene über die Kopfhaut verströmen und den offenbar alle Menschen als angenehm empfinden.


„Synthetische Düfte empfinde ich als Luftverschmutzung“

Ute Leube, Gründerin des Allgäuer Naturkosmetik-Herstellers Primavera
Ute Leube ist Mitbegründerin und
Gesellschafterin von Primavera und gilt
als Pionierin der Aromatherapie.

Ute Leube ist Gründerin des Allgäuer Naturkosmetik-Herstellers Primavera. Im Interview erklärt sie, weshalb natürliche Düfte den künstlichen überlegen sind. // Nicole Pollakowsky

Frau Leube, was unterscheidet natürliche Düfte von synthetischen?

Natürliche ätherische Öle sind in ihrer Ganzheit perfekt. Ein Öl kann mehrere Hundert Bestandteile haben, die zum Teil nur in winzigen Mengen vorhanden sind, die aber alle eine Bedeutung und Wirkung haben. Der menschliche Organismus kann natürliche Bestandteile erkennen und verstoffwechseln. Die synthetische Nachbildung eines Öls ist beschränkt auf die wichtigsten „Duftgeber“: Das kann durchaus gut riechen, mehr als ein „Duft-Aha-Erlebnis“ hat man dann aber nicht. Die Wirkung ist nicht vergleichbar.

Meiden Sie Orte, an denen Sie synthetischen Düften ausgesetzt sind?

Ja, ich kann sie nicht mehr ertragen. Sie erzeugen einen metallischen Geschmack auf der Zunge und sind für mein Empfinden eine Zumutung und die reinste Luftverschmutzung.

Wie setzt Primavera Düfte ein?

Wir verwenden ätherische Öle in Kombination mit Wasser entweder in der Duftlampe, im elektrischen Diffuseur oder auch im Duftbrunnen für die positive Stimulierung der Raumluft. Unsere Empfehlung dabei lautet immer: „Weniger ist mehr“. Denn Düfte wirken bereits an der Wahrnehmungsgrenze.

Auch natürliche ätherische Öle können Unverträglichkeiten und Allergien auslösen. Sind natürliche Düfte dennoch besser verträglich?

Ätherische Öle sind hochkonzentrierte Pflanzenwirkstoffe. Es handelt sich um natürliche Vielstoffgemische, die Hautreaktionen aufgrund einer Unverträglichkeit hervorrufen können. In medizinischem Sinn wird das jedoch nicht als Allergie verstanden. Nur etwa ein Prozent der Bevölkerung sind tatsächlich Allergiker. Diese Menschen müssen grundsätzlich aufpassen und wissen in der Regel genau, was sie vermeiden müssen. Wer seine Empfindlichkeiten kennt, kann bei uns jederzeit erfahren, ob entsprechende Stoffe in unseren Rezepturen enthalten sind.

Bei welchen Ölen ist auch für Nicht-Allergiker Vorsicht geboten?

Es gibt eine Reihe von ätherischen Ölen, die tatsächlich bedenklich sind, die aber im Angebot für Endverbraucher auch nichts zu suchen haben, zum Beispiel Eichenmoos und Bohnenkraut. Wir kennen unser Sortiment sehr genau und haben zu jedem Öl eine Anwendungsempfehlung. Ob synthetische Öle so gut untersucht sind wie natürliche Öle, wage ich zu bezweifeln. Zumindest haben sie nicht Hunderte bis Tausende von Jahren Erfahrungswissen zu bieten, wie es natürliche Öle haben.

Das Duftempfinden ist ja sehr individuell. Gibt es Düfte, die alle mögen?

Zu den beliebtesten Düften gehören sicherlich Weihnachtsdüfte. Auch Walddüfte mag fast jeder, ebenso Zitrusdüfte wie Orange, Zitrone oder Limette – hier kommt der Sonnenschein ins Herz. Für mich ist es sehr berührend zu sehen, wie ätherische Öle Erinnerungen wachrufen und Lebensfreude wecken und wie beispielsweise Bewohner eines Pflegeheims leuchtende Augen bekommen, wenn sie den Duft nach Wald wahrnehmen.

Was ist Ihr Lieblingsduft?

Lange Zeit war es Angelikawurzel: Der Duft ist erdig und gleichzeitig ätherisch – und er hat mir gegen meine Prüfungs­angst geholfen. Jetzt gerade liebe ich Neroli und Grapefruit am meisten.