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Naturkosmetik-Wissen

Pflanzenkosmetik aus dem Kloster

Portrait Martina Gebhardt

Zu Besuch bei Martina Gebhardt im Kloster Wessobrunn. Zwischen Stuck und Kreuzgewölben produziert sie jetzt ihre Naturkosmetik – bald mit Zutaten aus dem Klostergarten. // Sabine Kumm

Das Klingeln hört gar nicht mehr auf. Wer einmal auf den Knopf neben der Eingangstür des Klosters gedrückt hat, hört es durch die langen Gänge bis in die entferntesten Räume hallen. Es klingelt beharrlich, minutenlang.Genug Zeit, um die Wildblumen zu betrachten, die ungehindert vor dem Eingang blühen. Genug Zeit, um sich zu dem romanischen Glockenturm umzuwenden, der aus dem 12. Jahrhundert grüßt. Zeit – was ist das schon an einem solchen Ort?

Da öffnet sich die Tür, und sie steht da, die neue Besitzerin des bayerischen Klosters Wessobrunn: Martina Gebhardt, Chefin und kreativer Kopf des gleichnamigen Naturkosmetik-Unternehmens. Während wir das barocke Treppenhaus hinaufsteigen, lüftet sie das Geheimnis der immerwährenden Klingel: Die bleibt nämlich so lange an, bis irgendjemand die Tür erreicht hat und sie dort wieder deaktiviert. Und das kann bei dem großen Anwesen mit seinen 10 000 Quadratmetern Nutzfläche schon mal etwas länger dauern.

Ein positiver, kraftvoller Ort

Nicht lange gebraucht hat Martina Gebhardt für ihren Entschluss, sich um den Kauf des Klostergeländes zu bewerben. Noch heute lächelt sie versonnen, als sie davon erzählt: „Es hat so sein müssen, als hätten wir uns gesucht und gefunden.“ Schon seit einiger Zeit hat sie ein größeres Gebäude gesucht, weil das von ihr renovierte, 850 Jahre alte Bauernhaus, das bisher als Firmensitz diente, nicht mehr ausreichte. Denn seit den Anfängen vor 30 Jahren ist das Unternehmen stetig gewachsen. Mittlerweile stellen rund 50 Mitarbeiter 160 Pflegeprodukte für Gesicht, Körper, Hände und Füße her, auch speziell für reife Haut, für Männer sowie für Babys und Kinder. Seit 2010 ist das gesamte Sortiment Demeter-zertifiziert.

Martina Gebhardts großer Wunsch: Das Kloster soll ein Ort bleiben, wo „Menschen gerne arbeiten und leben und weiterhin das finden, was Leben lebenswert macht: Stärkung und Erholung für Leib und Seele.“ Dazu gehört auch die „spirituelle Kraft“ des Ortes: „Ich habe das Gefühl, dass die Jahrhunderte voller guter Gedanken und Gebete sich irgendwie in den Mauern niedergeschlagen haben und die Atmosphäre hier beeinflussen.“

Für die Renovierung sind 4 bis 5 Jahre geplant, denn „Klöster sind keine Orte der schnellen Übergänge“. Dabei kommt Martina Gebhardt ihre Doppelbegabung zugute: neben der Naturkosmetik spielt auch die Architektur in ihrem Leben eine große Rolle. Schließlich dienten Herstellung und Verkauf ihrer ersten Cremes dazu, sich das Architektur-Studium zu finanzieren. Die 57-Jährige fühlt sich wohl im Spannungsfeld zwischen den verschiedenen Aufgaben in ihrem Leben: „Dualität schafft Raum, und den muss man sich ganz bewusst freihalten, um kreativ sein zu können“, erklärt sie.

Martina Gebhardt hat ihren Raum gefunden. Und der reicht von den barocken Ornamenten im oberen Stockwerk bis zu den schlichten Kreuzgewölben der Wirtschaftsräume. An die 1 000 Schlüssel zu Zimmern, Schränken, Kästchen und Kisten hat sie von den Benediktinerinnen übernommen, die bis 2013 das Kloster am Laufen hielten. Sie wissen „ihr“ Kloster in guten Händen und kommen gerne noch mal auf einen Kaffee vorbei.

Weiter geht es in die Klosterküche und das Refektorium. Mittelpunkt ist ein Herd, so groß wie ein Doppelbett. Daneben eine voll funktionsfähige Backstube, riesige Schubladen mit der Aufschrift „Roggenmehl“ oder „Weizenmehl“ zeugen von der Zeit, in der hier noch Kranke und Heimkinder versorgt wurden. „Hier werde ich mich am liebsten aufhalten!“, schwärmt Martina Gebhardt. In der Küche plant sie unter anderem eine kleine Schauproduktion „zum Anfassen“. Ende des Jahres soll der Firmen-Umzug abgeschlossen sein.

Im Klostergarten und im Gewächshaus wachsen schon die ersten Demeter-zertifizierten Kräuter. Ab 2017 werden dann zum Beispiel Melisse und Salbei in den entsprechenden Produkten zu finden sein: in der erfrischenden Melissa Cream und in der Salvia Line für fettige und unreine Haut. Auch Topinambur gedeiht dort bereits – für die Summer Time Serie, denn er hilft sonnengestresster Haut.

Offen für Besucher und Künstler

Auf dem Gelände sprudeln auch drei artesische Quellen, seit Jahrhunderten schon. „Natürlich werden wir dieses kostbare und reine Quellwasser in unseren Produkten verwenden“, sagt Martina Gebhardt.

Neben dem Einzug der Firma soll das Kloster auch Heimat für Künstler und nachhaltige Handwerker bieten. Ein kleines Spa ist ebenfalls geplant. Und natürlich sollen Besucher weiterhin die Möglichkeit haben, die berühmten Stuckverzierungen zu besichtigen. Martina Gebhardt wird mit ihren Visionen die Entwicklung des Klosters weitertragen. Zeit – was ist das schon an einem solchen Ort?

„Schönheit ist das, was von innen nach außen strahlt. Sie braucht Raum, um sich zu entfalten“

Martina Gebhardt produziert ihre Naturkosmetik künftig im Kloster Wessobrunn
... mit Kräutern aus dem  Klostergarten und Wasser aus den Quellen vorort
Martina Gebhardt
Erschienen in Ausgabe 05/2016