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Naturkosmetik-Wissen

Plastik in der Zahnpasta

© Bund
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Was macht Plastik in Kosmetikprodukten? Es reinigt und putzt – und es verschmutzt, die Umwelt, die Meerestiere und letztlich auch uns. // Julia Vergin

Jedes Mal, wenn Martin Löder sich früher die Zähne putzte, wunderte er sich über den weißen Film, der auf seiner Zunge zurückblieb. Der Umweltingenieur ahnte bereits damals, was er da sah, doch nun wollte er es genau wissen. Er siebte den Inhalt seiner Zahnpastatube durch ein sehr feines Netz und betrachtete die Rückstände unter dem Infrarot-Mikroskop. Was er sah, war Plastik, winzig kleine Plastikkügelchen.

Martin Löders Entdeckung ist keine Ausnahme. Wer die Inhaltsstoff-Liste manch konventioneller Zahnpasta, von herkömmlichem Duschgel oder Peeling studiert, stößt auf Begriffe wie Polyethylen (PE), Polypropylen (PP) oder auch Poly-ethylenterephtalat (PET). Das ist nichts anderes als Plastik. Was hat das in Kosmetikartikeln zu suchen?

Allgemein werden Kunststoffpartikel, die kleiner als 5 Millimeter im Durchmesser sind, als Mikroplastik bezeichnet. Zahncreme werden sie als Putzkörperchen zugefügt. In einer Tube können bis zu 10 Prozent der winzigen Plastikkügelchen stecken. In Peelings und Duschgel sind sie drin, um abgestorbene Hautschüppchen wegzurubbeln. Da Kunststoff weich ist, schont er dabei die Haut und den Zahnschmelz. Außerdem ist er günstig und leicht zu verarbeiten.

Aus dem Duschgel ins Meer

Der Nachteil: Beim Duschen, Waschen und Zähneputzen gelangen die winzigen Teilchen tagtäglich über den Abfluss ins Abwasser und anschließend in die Flüsse und Meere. Dort fischt Martin Löder sie wieder heraus: Der Umweltingenieur arbeitet seit 2011 im Projekt „Mikroplast“, das die Mikroplastikbelastung der Nord- und Ostsee untersucht. Seine Forschungen werden vom Bundesministerium für Bildung und Forschung mitfinanziert. Zum Mikroplastik zählen übrigens auch winzige Kunstfasern, die sich beim Waschen synthetischer Kleidung lösen.

Bisher sei die Mikroplastik-Konzentration in den deutschen Meeren noch relativ gering, so Löder. Doch das werde sich in den kommenden Jahren sehr wahrscheinlich ändern. Denn jährlich landen laut Umweltorganisation NABU mehr als 20.000 Tonnen Plastikmüll allein in der Nordsee. Sie werden im Laufe der Zeit von Sonne, Wind und Wellen ebenfalls zu Teilchen in Mikrogröße zerrieben. Der Kunststoff verschwindet also nicht, er wird nur immer kleiner.

Plastik in Milch und Honig

Welchen Anteil Plastik aus Kosmetikprodukten an der Gesamtverschmutzung unserer Gewässer hat, ist bisher nicht bekannt. Deshalb nehmen Martin Löder und sein Team seit April diesen Jahres auch Proben in Kläranlagen. Die filtern scheinbar längst nicht alle Kunststoffteilchen heraus. Kürzlich haben Wissenschaftler Plastikmaterial in Milch und Honig entdeckt, das zum Teil dem aus Kosmetikprodukten ähnelt. Da die kleinen Partikel sehr leicht sind, vermuten Forscher, dass sie mit der Luft dorthin gelangt sein könnten.

Über die Auswirkungen von Plastik im menschlichen Körper ist bisher wenig bekannt. Doch weiß man, dass die synthetischen Kügelchen Umweltgifte aus dem Meerwasser – Schädlingsbekämpfungsmittel oder Industriechemikalien – wie ein Magnet anziehen. Meerestiere fressen daher nicht nur Plastik, sondern mit ihm einen konzentrierten Giftcocktail, der damit auch auf unserem Teller landen kann (siehe Infokasten).

Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) und Umweltschützer wie die internationale Kampagne „Beat the Micro Bead“ fordern daher ein schnelles Verbot von Mikroplastik in Kosmetikartikeln.

Das Umweltbundesamt legte der Kosmetikindustrie bereits einen freiwilligen Verzicht der Verwendung von Mikroplastik nahe, da ein Verbot so kurzfristig nicht möglich sei. Bis dahin rät die Behörde Verbrauchern, auf Peelings, Duschgels und Zahnpasten zu verzichten, die schwer abbaubare Kunststoff-Partikel enthalten. Hilfreich ist da die umfangreiche Liste des BUND mit Kosmetikprodukten, in denen Mikroplastik steckt.

Einige konventionelle Hersteller haben angekündigt, in Zukunft auf den Einsatz von Mikroplastik zu verzichten oder tun dies bereits. L’Oreal etwa will die Kunststoff-Partikel in Peelingprodukten bis zum Jahr 2017 ersetzen. Die Firma Beiersdorf hat sich präventiv entschieden, die Poly­ethylen-Partikel in ihren Pflegeprodukten bis Ende 2015 zu ersetzen. Der freiwillige Verzicht gilt allerdings nur für feste Mikroplastikpartikel und nicht für gelöste Kunststoffe, wie sie in manch konventionellen Haarstyling- und Make-Up-Produkten verwendet werden.

Für Naturkosmetik gilt: Plastik, nein danke!

Hersteller von Naturkosmetik beweisen schon lange, dass es auch anders geht. Für ihre Produkte ist Mikroplastik grundsätzlich tabu. Stattdessen nehmen sie Wachskügelchen, um die Haut zu glätten oder erzielen den Peeling­effekt mit Jojoba-, Reis- oder Bambuskügelchen. Auch Lavaerde wirkt hautreinigend. In Zahncremes aus der Naturkosmetik dient neben Kieselerde, Sole und Natron auch Kalziumcarbonat (Kreide) als Putzkörper.

Martin Löder ist inzwischen bewusst auf eine Zahnpasta mit Kieselsäurepulver umgestiegen. Seine Zähne mit Plas­tik zu putzen, kommt für ihn überhaupt nicht in Frage. 

Info : Gefahr für die Gesundheit?

Wie sich Mikroplastik im menschlichen Körper verhält, weiß niemand genau. Besorgniserregend sind sogenannte Additive, die sich aus dem Kunststoff lösen können. Dazu zählen Weichmacher (Phtalate) und die Chemikalie Bisphenol A, die auch ein Plas­tik-Grundstoff ist.

Gelangt Bisphenol A ins Blut, kann es als hormonwirksame Substanz möglicherweise die Sexualentwicklung beeinträchtigen sowie Nieren und Leber schädigen.

Solche Stoffe müssen Hersteller nicht auf ihren Produkten deklarieren. Meist ist daher unklar, welche Zusätze die Plastikkügelchen in Kosmetika enthalten.

Weitere Gefahren birgt die Anziehungskraft der kleinen Kunststoffteilchen für Chemikalien, die sich im Wasser befinden. So binden sie zum Beispiel das Insektengift DDT, dessen Einsatz längst verboten ist. Der Grund: Es reichert sich im Gewebe an und steht im Verdacht, Krebs auszulösen. Da DDT biologisch schwer abbaubar ist, belastet es jedoch noch immer manche Gewässer.

Im Schlepptau des Mikroplastik kommt es nun aus dem Meer in die Nahrungskette zurück.