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Naturkosmetik-Wissen

Sammeln und schützen

© Speik
© Speik

Viele Heil- und Aromapflanzen für Kosmetik werden nicht angebaut, sondern in der Natur gesammelt. Um die Bestände zu schützen, fordern Naturkosmetik-Siegel nach Möglichkeit eine kontrollierte Wildsammlung. Wir erklären, was das bedeutet. // Astrid Wahrenberg

Echter Speick aus Österreich

Hoch hinaus muss man und sich dann tief bücken, um das Pflänzchen zu entdecken. Gerade mal so groß wie der kleine Finger ist das unscheinbare Almgewächs mit den winzigen gelblichen Blüten – und entfaltet dabei eine nasenbetäubende Duftgewalt. Wie schwere Teppiche hängen die würzig-herben ätherischen Öle des Speick im Spätsommer und frühen Herbst über den Bergwiesen im österreichischen Biosphärenpark Nockberge. Dort ist der Speick die Attraktion der Alpenflora – und seit fast 80 Jahren streng geschützt. Das Sammelverbot für die Allgemeinheit wurde verhängt, um die damals dramatisch geschrumpften Bestände zu schützen. Es beendete einen mehr als zweitausend Jahre langen Handel. Die alten Römer kauten auf der Wurzel, um den Atem zu erfrischen. Im Mittelalter war Speick die Heilpflanze schlechthin und wertvoller als Gold. Er wurde gegen allerhand Wehwehchen von Zahnschmerz bis zu Fieber und Magen-Darm-Beschwerden eingesetzt. Im Orient schätzten Haremsdamen den schweren, würzigen Duft in ihrem Badewasser. Noch bis ins 20. Jahrhundert trockneten Kärntner Bergbauern die fast ausschließlich in dieser Alpenregion wachsende Pflanze und exportierten sie in die Türkei, nach Syrien, Ägypten, Marokko und den Sudan.

Ende der 80er-Jahre wiesen Wissenschaftler der Universität für Bodenkultur in Wien dann in einem Forschungsprojekt nach, dass maßvolles Ernten für den Speick günstig ist und seine Verbreitung sogar fördert. Entscheidend dabei ist, dass ein Teil der Wurzel in der Erde zurückbleibt, dann treibt die Pflanze im nächs-ten Jahr umso stärker wieder aus. Seither dürfen einige Bauern den Speick wieder mit offiziellem Segen ernten. Das sichert ihnen ein wichtiges Zusatzeinkommen. Abnehmer ist die Firma Speick Naturkosmetik, die aus den Wurzeln einen wertvollen Extrakt gewinnt und in viele ihrer Produkte einarbeitet.

Speickernte: mit Tradition und Siegel

Jeden Sommer ab Mitte August steigen sie zum „Speicken“ auf die 1800 Meter hoch gelegene Alm. Darunter auch der Kärntner Almbauer Hans-Peter Huber. Er hat vor acht Jahren den Hof der Eltern in den Nockbergen übernommen. Schon sein Vater ist in die Speickernte gegangen. Sohn Hans-Peter benutzt für diese Arbeit meist nicht das traditionelle „Speick-Kramperl“, ein kurzes Werkzeug mit scharfen Zinken, sondern gräbt die Pflanze am liebsten mit der bloßen Hand aus regenfeuchter Erde aus. So kann er besser fühlen, wie viel von der Pflanze aus der Erde darf und dass noch genügend Wurzelwerk zurückbleibt.

Wimperntusche – Magie im BlickDie kleine Heilpflanze Speick wächst heute fast ausschließlich im Biosphärenpark Nockberge bei Kärnten. (Foto: Speick)

Im luftigen Schober trocknen die Pflanzen anschließend und werden dann nach Leinfelden zu Speick Naturkosmetik gefahren. Das ätherische Öl ist so intensiv, dass wenige Tropfen für Seifen, Cremes und Duschgel genügen. Seit 2003 zertifiziert der Anbauverband Naturland in Zusammenarbeit mit den österreichischen Partnern, dem Bio-Anbauverband SLK, die Speick-Ernte als kontrolliert-biologische Wildsammlung, kurz kbW.

 

Ratanhia-Wurzel aus Südperu

Wimperntusche – Magie im Blick

Mit Fingerspitzengefühl gräbt der Almbauer Hans-Peter Huber Teile der Speickpflanze aus. (Foto: Weleda/Michael Leuenberger)

Die unscheinbare, buschige Pflanze mit den kaminrot bis blassrosafarbenen Blüten gedeiht prächtig in den wüstenhaften Landschaften um die Stadt Arequipa in Südperu. Die Ratanhia kommt mit dem rauen Klima der Andenvorgebirge bestens zurecht. Für das Ökosys-tem ist sie wertvoll, denn ihr weit verzweigtes Wurzelwerk schützt den Boden vor Erosion.

Die Einheimischen schätzen sie auch: Sie benutzen die Wurzeln zum Färben von Stoffen und zu medizinischen Zwecken, etwa gegen Durchfall. Wertvoll ist insbesondere der hohe Gerbstoffgehalt, der das Wachstum von Bakterien und Pilzen hemmt. Das macht sie auch für naturheilkundliche Zwecke und Naturkosmetik interessant. Weleda setzt Ratanhiawurzel beispielsweise seit mehr als 50 Jahren in Zahnpflegeprodukten ein.

Die Pflanze ist weltweit begehrt. Rund 40 Tonnen exportiert Peru laut offiziellen Angaben pro Jahr. „Leider sind aber viele der Ratanhia-Quellen intransparent“, sagt Christine Pfisterer, die bei Weleda für den Einkauf zuständig ist. Das bedeutet, dass Pflanzen nicht nachhaltig gesammelt werden, also etwa zu viele Pflanzen an einem Standort entnommen werden oder zu junge, sodass das Ökosystem geschädigt wird. Deshalb hat sich Weleda schon 2002 zu einer Kooperation mit der peruanischen Naturschutzbehörde „INRENA“, Wissenschaftlern, Sammlern, Händlern und der deutschen „Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit“ (GIZ) entschlossen. Ziel war ein nachhaltiges Beschaffungskonzept.

Schulung für einheimische Sammler

In einer Schutzzone mit 2 000 Hektar starteten Wissenschaftler zunächst ein Anbauprojekt, was jedoch bald wieder aufgegeben wurde. Der Grund: Die Ratanhia ist ein Teilschmarotzer. Sie braucht Wirtspflanzen, die sie mit Nährstoffen und Wasser versorgen. Sie gedeiht daher nur in einer Pflanzengemeinschaft. Bauern müssten also gleichzeitig mehrere andere Pflanzenarten kultivieren, was sich in der Praxis kaum durchführen lässt. Außerdem wächst die Pflanze extrem langsam. Erst nach sieben bis 15 Jahren bringt das Gewächs den ersten Ertrag. Daher forschten die Wissenschaftler innerhalb des Schutzgebietes an Erntemethoden für wildwachsende Pflanzen, die das Ökosystem nicht zerstören. Die Erkenntnisse daraus flossen in ein Handbuch, mit dem die einheimischen Sammler geschult werden. In dem Papier ist etwa exakt definiert, wie groß die Pflanze sein muss, damit sie geerntet werden darf. Das schont den Jungpflanzenbestand. Die Sammler dürfen auch nicht alle Pflanzen an einem Fleck ernten, sondern müssen immer einige Exemplare an der Stelle stehen lassen. Wird eine Pflanze komplett mit Wurzelwerk geerntet, muss der Sammler sie durch einen Steckling ersetzen. Nachsaaten sollen die natürliche Vermehrung ebenfalls unterstützen. Grundsätzlich ist die Erntemenge auf diesem Areal limitiert, derzeit darf dort zum Schutz der Bestände nicht mehr als eine Tonne geerntet werden.

Projekt mit Signalwirkung

Alle Vorgänge werden fortlaufend dokumentiert, die Vegetation beobachtet und die Pflanzen kontrolliert, etwa, ob Stecklinge im Boden Fuß fassen konnten. Zur kontrollierten Wildsammlung gehört auch, dass Weleda die Sammlung jedes Jahr bei den peruanischen Behörden neu beantragen muss. Mitarbeiter der Naturschutzbehörde überwachen die Erntemenge und, nach dem Trocknen und Reinigen der Pflanzen vor Ort, auch den Export nach Deutschland.

Das Pilotprojekt hat zusätzlich Signalwirkung: Die peruanischen Naturschutzbehörden beabsichtigen die nachhaltige Sammelmethode, die Weleda erarbeitet hat, für alle Firmen, die Ratanhia exportieren wollen, verpflichtend zu machen.

Wimperntusche – Magie im Blick

Der Ratanhia-Strauch wächst auf felsigem Grund, am Fuße der Anden.. (Foto: Weleda/Michael Leuenberger)