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Naturkosmetik-Wissen

Schmutzlöser: mild oder aggressiv?

© istockphoto
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Wenn Naturkosmetik richtig schäumt, ist auch Chemie mit im Spiel. Doch die Rohstoffe sind natürlich und wachsen nach. Vor allem aber vertragen sie sich gut mit unserer Haut. // Leo Frühschütz

Morgens unter der Dusche: ein Spritzer Duschgel in die Hand, einschäumen, abbrausen. Sauber und leicht zitronig duftend rubbeln wir uns trocken, bevor es an die Arbeit geht. Die besteht heute darin, herauszufinden, was uns da so schön eingeschäumt hat. Auf der Tube des Naturkosmetik-Duschgels steht Disodium Cocoyl Glutamat. Das klingt nicht besonders natürlich. Die deutsche Übersetzung „Waschaktive Aminosäuren“ hört sich schon besser an. Da tut sich was. Die machen sauber. Aber wieso braucht es dazu Aminosäuren?

Vielseitige Saubermacher

Immer wenn wir waschen, putzen oder sauber machen sind Tenside mit im Spiel. Es gibt viele verschiedene Tenside: milde und aggressive, viel und wenig Schaum produzierende, teure und billige. Sie alle lösen Schmutz und lassen ihn im Wasser schweben. Das schaffen die Tenside, weil sie zwei Gegensätze vereinen. Ein Ende des Tensid-Moleküls ist wasserliebend (hydrophil), das andere mag es gerne fett (lipophil). So können sie sich wie eine dünne Hülle um das Schmutzteilchen legen, wobei das hydrophile Ende nach außen ins Wasser ragt. Tenside sind synthetische Stoffe, kommen also so in der Natur nicht vor. Um sie herzustellen, braucht es chemische Verfahren. Auch in der Naturkosmetik.

Doch die Rohstoffe für die in Naturkosmetik erlaubten Tenside stammen alle von Pflanzen, während die Tenside konventioneller Kosmetik überwiegend auf Erdöl basieren. Für die Herstellung der Naturkosmetik-Tenside sind nur ein gutes Dutzend chemischer Verfahren zugelassen. So hergestellte Naturkosmetik-Tenside reinigen gründlich, schäumen gut, sind biologisch schnell abbaubar und zudem gut hautverträglich.

Nicht erlaubt ist die sogenannte Ethoxilierung, bei der das hochexplosive und giftige Gas Ethylenoxid als Zwischenprodukt eingesetzt wird. Auf diese Art hergestellte Tenside lassen sich an der Silbe „eth“ erkennen. Aus Ethylen hergestellt werden auch Polyethylenglykole (PEG), die ebenfalls die Basis vieler konventioneller Tenside, der PEG-Derivate, sind. Sie können die Haut durchlässiger für Schadstoffe machen.

Kokos, Weizen und Mais

Die Rohstoffe für die Naturkosmetik-Tenside stammen aus drei Quellen: Palmkern- und Kokosöl liefern die nötigen Fettsäuren. Die Stärke von Weizen oder Mais wird von Enzymen in den Zucker Glucose umgewandelt. Glutamin ist eine Aminosäure, also ein Eiweiß-Baustein, und wird von Mikroorganismen hergestellt, die dafür Zucker oder Molasse umsetzen. Für einige Tenside werden auch Eiweißbausteine aus Weizen oder Hafer verwendet. Die Fettsäuren liefern den lipophilen Teil der Tenside. Wahlweise Zucker oder Aminosäuren steuern den wasserliebenden Teil bei. Die chemischen Bezeichnungen auf der Verpackung geben die Rohstoffe wieder. Coco Glucoside etwa sind Tenside auf der Basis von Kokosöl und Zucker. Beim Cocoyl Glutamat wurden Kokosfette und Aminosäure zusammengespannt. „Sodium“ steht für Natrium und gibt an, dass das Tensid chemisch gesehen als Salz vorliegt.

Diese pflanzenbasierten Tenside haben unterschiedliche Eigenschaften: Coco Glucoside sind sehr mild, aber keine besonders guten Schaumschläger. Cocoyl Glutamat kann beides und verbessert in Shampoos zudem die Nasskämmbarkeit der Haare. Jedoch ist der Schaum großporig und die Reinigungskraft nicht so ausgeprägt. Auch sind die Glutamate besonders teuer. Günstiger, gut schäumend und richtige Fettkiller sind Coco Sulfate. Allerdings gehören sie auch zu den weniger milden Tensiden. Unterschiede gibt es auch in der Konsistenz, dem Verhalten bei verschiedenen Temperaturen oder Wasserhärten und der Verträglichkeit mit anderen Zutaten. Darum setzen alle Hersteller Kombinationen aus zwei, drei, oder sogar vier Tensiden ein, um die für sie optimale Wirkung zu erzielen.

In den letzten Jahren haben sich die Rezepturen insbesondere bei Naturkosmetik-Shampoos deutlich weiterentwickelt. Dort hatten einige Hersteller noch alte Tensidmischungen verwendet, die nicht den Kriterien für Naturkosmetik entsprachen. Inzwischen sind aber auch diese Haarpflegeserien überarbeitet und zertifiziert worden.

Zu tun bleibt künftig etwas anderes: Noch stammen die Rohstoffe für die Tenside aus konventionellem Anbau. Zwar sind schon erste Fettsäuren und Emulgatoren aus Bio-Rohstoffen auf dem Markt, aber noch keine waschaktiven Substanzen. Denn die Herstellung von Tensiden ist technisch aufwendig. Wenige große Unternehmen haben sich darauf spezialisiert. Der bekannteste deutsche Hersteller pflanzlicher Tenside, das Unternehmen Cognis, wurde inzwischen vom Chemiekonzern BASF aufgekauft.

Biologische Alternativen

In deren Anlagen kleine Chargen Tenside aus Bio-Rohstoffen herzustellen, wäre theoretisch möglich, aber sehr teuer. Deshalb schreiben die Naturkosmetik-Richtlinien auch keine Bio-Tenside vor.

Eine mögliche Alternative wären Tenside, die von Mikroorganismen aus pflanzlichen Abfällen hergestellt werden (siehe Kasten). Erste Tenside aus dem Fermenter sind schon im Einsatz. Allerdings schäumen sie nicht. Deshalb reinigen sie derzeit keine Haare, sondern Teller in der Geschirrspülmaschine, etwa in Produkten von Ecover.

Info: Tenside aus Bio-Rohstoffen

Das Fraunhofer-Institut für Grenzflächen- und Bio-Verfahrenstechnik IGB koordiniert ein internationales Forschungsprojekt, bei dem Bio-Tenside aus cellulose- oder ölhaltigen Reststoffen hergestellt werden.

Das sind zum Beispiel Bio-Getreidespelzen, deren Celluloseanteil mit Hilfe von gentechnikfreien Enzymen in Zucker umgewandelt wird. Bio-Olivenöl, das nicht für die Lebensmittelherstellung geeignet ist, liefert Fettsäuren. Zucker und Fettsäuren ernähren bestimmte Pilze, die wiederum Stoffe mit Tensid-Eigenschaften ausscheiden.

Diese müssen dann gereinigt, aufgearbeitet und auf ihre Eigenschaften hin untersucht werden. Die Naturkosmetik-Anbieter Farfalla und Grüne Erde testen die Tenside anschließend in der Praxis. Die IGB-Ingenieure vergrößern und optimieren derweil Anlagen und Prozesse, um die Herstellung wirtschaftlich zu machen. Ende 2014 läuft das Projekt aus, dann müssen die Ergebnisse vorliegen. Angeregt hat das Projekt der Naturkosmetik-Verband Natrue.