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Naturkosmetik-Wissen

Schönheit: Wohin geht der Trend?

Schönheit (© istockphoto / VasjaKoman)

Makellos schön – diesem Diktat widersetzen sich immer mehr Menschen. Sie zeigen mit Selfies und Hashtag-Kampagnen, dass Schönheit viele Facetten hat. // Johanna Emge

(Illustration: © istockphoto)

Als die Bloggerin „Journelle“ den Hashtag 609060 ins Internet tippte, wollte sie sich eigentlich mit einer Serie von Fotos selbst ermutigen. Sie haderte oft mit sich und ihrem Körper und es ging ihr darum, das gängige Schönheitsideal zu hinterfragen. Diesem wollte sie Bilder von „normalen“ Frauen und Männern entgegensetzen.

Damit traf sie einen Nerv: Der Hashtag verselbstständigte sich und viele andere folgten ihrem Beispiel. Auch die amerikanische Modebloggerin Gabi Fresh ermutigt Frauen dazu, unter #Fatkini Fotos von sich und ihren Rundungen im Bikini zu teilen. Andere Frauen zeigen sich scheinbar ungeschminkt und natürlich im Netz – schön fühlen sie sich trotzdem.

„Die Entwicklung des Begriffs Schönheit ist komplex und mitunter paradox“, sagt die Trendforscherin Anja Kirig vom Frankfurter Zukunftsinstitut. „Durch Werbung und Medien wird das Korsett des Ideals immer enger, die Ansprüche an sich und die Verantwortlichkeit des Einzelnen steigen, in ein striktes Schema hinein zu passen.“ Neue Tracking- und Ernährungs-Apps befördern diesen Trend zur Selbstoptimierung – statt teurer Schönheitsoperationen wird das Selfie, das Selbstporträt am Smartphone, mit wenigen Handgriffen und Filtern so retuschiert, dass es den bearbeiteten Hochglanzfotos der Magazine in nichts nachsteht.

Sich mit Selfies stärken

Zugleich gibt es einen Trend hin zu mehr Individualität, zum Anders sein. Auch da sind Selfies ein wichtiges Instrument: Sie bieten Gruppen, die die Medien nur wenig beachten, eine neue Öffentlichkeit. Dank Smartphones und sozialer Netzwerke bekommen sie die Möglichkeit, sich und ihre Körper sichtbar zu machen und Kritik an gängigen und unrealistischen Schönheitsidealen zu üben. Das ermächtigt sie, ihre Interessen selbstverantwortlich und selbstbestimmt zu vertreten.

„So groß der Druck der Medien und Marken sein mag, einem gewissen, gerade aktuellen Bild zu entsprechen, so groß ist aber auch die Vielfalt, die heute dem Einzelnen dank der globalen Vernetzung präsentiert wird“, weiß die Trendforscherin. „Keiner ist heute mehr alleine. Jeder findet dank der sozialen Medien seine Nische – und Unterstützung darin, anders zu sein.“

Individualität betonen

„Gleichzeitig zeigen Photoshop-Experimente, dass die globalen Schönheitsideale alles andere als einheitlich sind“, sagt Anja Kirig. Als Beispiel nennt sie die Studie „Perception of perfection across borders“, in der Grafikdesignerinnen aus 18 Nationen einen Frauenkörper gemäß den Idealen ihres Landes modellierten. Wie sehr sich kulturelle Schönheitsideale unterscheiden, zeigt auch das Photoshop-Projekt der Künstlerin Esther Honig, welches zum viralen Hit im Internet wurde. Die Amerikanerin schickte ein einfaches Foto von sich in 25 Länder, auf dem sie ungeschminkt zu sehen war, die Haare zusammengesteckt, ohne Schmuck und ohne Kleider. Aus Indien kam das Bild mit einem weich gezeichneten und gebräunten Gesicht zurück, aus den USA mit offenen Haaren und künstlichen Wimpern.

Und genau das sei es, was laut Kirig der Trend zur Individualisierung mit unserer Gesellschaft macht: Die Diversität der Lebensstile nimmt zu. Geschlechtergrenzen verschwimmen, Tattoos und Piercings werden gesellschaftsübergreifend getragen, auch Narben und scheinbare Makel müssen nicht länger versteckt werden.

„Das, was bisher als Schönheitsideal für Frauen und Männer galt, löst sich dank der Vernetzung zunehmend auf. Da­durch, dass es immer schwerer wird, dem inszenierten Schönheitsbild der Medien zu entsprechen, gibt es immer mehr Personen, die aus diesem Raster fallen und damit zur Mehrheit werden.“ Große Konzerne nutzen den Trend mit eigenen Kampagnen, bei denen Individualität im Fokus steht und statt Models Menschen von nebenan die Hauptrolle spielen. So wollen sie sich und ihre Produkte näher an der Zielgruppe positionieren.

Zweifelhafte Challenge

Die neu gewonnene Vielfalt hat aber auch kritische Seiten. Empowernde Hashtags, die vor allem unterdrückten und wenig sichtbaren Minderheiten eine Stimme geben sollen, werden von Nicht-Betroffenen eingenommen und angeeignet. (siehe Interview)

Unter Hashtags wie „Thigh Gap“ und „Belly Button Challenge“ werden zweifelhafte Körperziele und Challenges verbreitet. So geht es bei der Bauchnabel-Challenge darum so dünn zu sein, dass man den Arm hinter dem Rücken entlang führen und dann mit den Fingern den Bauchnabel berühren kann.

Es wäre aber nicht das Internet, wenn es nicht auch daraufhin kreative Reaktionen gegeben hätte: So versuchte ein Nutzer das fehlende Stück bis zum Bauchnabel einfach mit einer Banane auszugleichen.

# Ungeschminkt, politisch, anders

#wokeuplikethis: Ungeschminkt geht es bei diesem Hashtag zu, den Popstar Beyonce in ihrem Hit „Flawless“ besingt. Ungestylte Selfies, direkt nach dem Aufwachen gepostet. Schummeleien nicht ausgeschlossen.

#prettylipsperiod: ist ein politisches Statement. Unter dem Hashtag posten schwarze Frauen Fotos von sich und ihren Lippen. Er entstand aus Protest, nachdem eine Kosmetikfirma mit den Lippen eines schwarzen Models warb und daraufhin mit beleidigenden und rassistischen Kommentaren zu kämpfen hatte. 

#feministselfie: 2013 erschien ein Artikel, der Selfies als „Schrei nach Aufmerksamkeit“ und narzistischer Schwäche bezeichnete und ihnen eine ermutigende Wirkung absprach. Der Hashtag entstand als Reaktion darauf, um das Gegenteil zu zeigen.

#effyourbeautystandards: Das amerikanische Plus-Size-Model ruft dazu auf, nichts auf Schönheitsideale zu geben und Fotos hochzuladen, auf denen man sich wohlfühlt. Das „eff…“ ist die nette Variante von F*** you.