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Naturkosmetik-Wissen

Tierversuche: Schluss mit der Quälerei?

© IIIustration:istockphoto
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Seit März darf in der EU keine Kosmetik mehr verkauft werden, die an Tieren getestet wurde. Doch immer noch sterben in deutschen Laboren Millionen Tiere. // Leo Frühschütz

Bloß nicht reizen ...

Die Firma Mattek stellt Haut her. Künstliche menschliche Haut. Die Zellen wachsen in kleinen Schälchen mit Nährlösung heran und werden an Labore in aller Welt verschickt. EpiDermTM heißt diese Kunsthaut, mit deren Hilfe überprüft wird, ob eine Substanz die Haut irritiert. Früher schmierte man die Chemikalie kahl rasierten Kaninchen und Meerschweinchen auf die Haut. Das ist jetzt Geschichte.

Vor gut 30 Jahren begannen engagierte Tierschützer mit ihrem Kampf gegen Tierversuche für Kosmetik (siehe Kas-ten). Bis dahin war es selbstverständlich, die Sicherheit von Shampoos und Cremes – wie bei allen Chemikalien üblich – an Tieren zu testen. Nun begannen Wissenschaftler und Unternehmen, tierversuchsfreie Methoden zu entwickeln. Mit großem Erfolg. Heute lassen sich viele schädliche Wirkungen von Chemikalien „in vitro“, also im Reagenzglas, bestimmen, mit Hilfe von Bakterien, Zellkulturen oder Bio-Chips. Das sind Kombinationen aus mikroelektronischen Bausteinen und menschlichen Zellen, mit denen sich sogar Organe simulieren lassen.

Ein wichtiger Schritt

Seit 2004 dürfen fertige Kosmetika in der EU nicht mehr in Tierversuchen getestet werden, seit März 2013 gilt nun ein generelles Vermarktungsverbot für Kosmetikprodukte, deren Inhaltsstoffe seitdem an Tieren getestet wurden. Ein wichtiger Schritt für die Tierschützer. Allerdings: Das Verbot gilt nur für Wirkstoffe, die eigens für Kosmetika entwickelt werden. Substanzen, die auch in anderen Produkten – wie zum Beispiel Arzneimitteln – vorkommen, durchlaufen weiterhin die üblichen Sicherheitstests.

Immer noch gibt es amtlich vorgegebene Untersuchungen, für die Tiere getötet werden. Dazu gehört etwa eine Fütterungsstudie mit Ratten, um Schäden am Embryo auszuschließen. Für eine Substanz müssen dabei 1200 Tiere sterben. Auch hierfür gäbe es Testmethoden, die mit Zellkulturen auskommen, sagt die Organisation Ärzte gegen Tierversuche. Doch die sind noch nicht offiziell als gleichwertig anerkannt. Gleiches gilt für Tests, mit denen die chronische Giftigkeit von Chemikalien untersucht wird oder deren Verhalten und Abbau im Körper. Um offiziell anerkannt zu werden, müssen tierversuchsfreie Methoden ein aufwendiges Verfahren mit zahlreichen großen Studien durchlaufen. Sie haben nachzuweisen, wie empfindlich und genau sie sind. Verschiedene Labore müssen mit den gleichen Testsubstanzen zu gleichen Ergebnissen kommen.

Hohe Anforderungen

Das alles sind wissenschaftlich gesehen vernünftige Anforderungen. Es sind allerdings Anforderungen, die so an die üblichen Tierversuche nie gestellt wurden. 10 bis 15 Jahre kann es dauern, bis die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), in der die meisten Industriestaaten Mitglied sind, eine tierversuchsfreie Methode in ihre Richtlinien für Chemikalientests aufnimmt. Das wiederum ist eine Voraussetzung dafür, dass die Methode nicht nur in der EU, sondern auch von anderen Ländern akzeptiert und angewandt wird. EpiDermTM hat das geschafft, ebenso wie knapp zwei Dutzend anderer tierversuchsfreier Tests. Diese Alternativen haben Millionen von Tieren das Leben gerettet.

Weil die offiziellen Regelwerke aber weiterhin Tierversuche vorsehen, müssen in den nächsten Jahren zwischen acht und 54 Millionen Tiere sterben, befürchten Tierschutzorganisationen. Schuld daran ist REACH – die europäische Chemikalienverordnung. Sie sieht vor, dass die Hersteller ihre ganzen alten Chemikalien registrieren lassen und dabei Daten zur Giftigkeit und Gefährlichkeit vorlegen. Wo diese fehlen, müssen neue Tests gemacht werden.

Reine Kosmetikrohstoffe wären von

REACH nicht betroffen. Doch die meis-ten Chemikalien werden für mehrere Zwecke eingesetzt, in Kosmetik ebenso wie in Haushaltsreinigern oder Arzneimitteln. Und in dieser Eigenschaft werden sie noch einmal überprüft – auch an Tieren, wenn die europäische Chemikalienagentur ECHA das verlangt.

Zahlreiche Versuchstiere starben in den letzten Jahren auch für konventionelle Haarfarben und andere herkömmliche Kosmetikzutaten, deren Sicherheit das zuständige Expertengremium der EU neu bewertet hat. Durchgeführt oder in Auftrag gegeben haben diese Versuche meist die Hersteller dieser Substanzen. Profitiert davon haben die großen Kosmetikhersteller, die diese Zutaten weiterhin verwenden können.

Gegen ethische Grundsätze

Naturkosmetikhersteller haben von Anfang an weder Tierversuche durchgeführt noch welche in Auftrag gegeben. Calendula-Creme in Kaninchenaugen zu schmieren, widersprach ihren ethischen Maßstäben. Dennoch mussten sie akzeptieren, dass viele altbekannte Zutaten irgendwann an Tieren getestet worden waren. Als Anfang des Jahrtausends das BDIH-Logo für kontrollierte Naturkosmetik entstand, legten die beteiligten Hersteller fest, dass keine Zutaten eingesetzt werden, die nach dem 1. Januar 1998 an Tieren getestet wurden. Vorbild für diese Regelung war die Kosmetikliste des Deutschen Tierschutzbundes. Deren Stichtag ist der 1. Januar 1979.

Wenn nun im Rahmen von REACH Inhaltsstoffe, die auch in Kosmetik verwendet werden, noch einmal oder erstmals an Tieren getestet werden, haben Tierschützer und Naturkosmetikhersteller das nicht zu verantworten und müssen es zähneknirschend hinnehmen.

Tierversuch unnötig?

Ihnen bleibt nur eine kleine Möglichkeit: Die Tierversuche im Rahmen von REACH werden im Internet öffentlich angekündigt und 45 Tage zur Kommentierung freigegeben. Diese Zeit nutzen die Experten der Tierschutzorganisationen, um möglichst viele Daten zu sammeln und einzureichen, die zeigen, dass der geplante Tierversuch unnötig ist. Die Entscheidung allerdings liegt bei der Chemikalienagentur ECHA.

30 Jahre Kampf

Anfang der 80er-Jahre begann der Deutsche Tierschutzbund mit seiner Kampagne gegen Tierversuche für Kosmetik. Die ersten Tiegel und Tuben mit einem damals neuen Logo kamen auf den Markt. Eine schützende Hand über einem Kaninchen signalisierte: Kosmetik ohne Tierversuche. Schon 1993 beschloss die EU ein Verkaufsverbot für Kosmetik, die an Tierversuchen ge-testet wurde. Mit Frist bis 1998 und der Einschränkung, dass tierversuchsfreie Testmethoden vorhanden sein müssten. Es dauerte deshalb bis 2004, bevor dieses Verbot in Kraft trat. Tests an Kosmetikzutaten blieben bis 2009 erlaubt.

Danach gab es nur noch Ausnahmen für einige wenige Tests ohne amtlich anerkannte Alternativen. 2011 wollte die EU-Kommission diese Frist verlängern, gab aber schließlich dem Protest der Tierversuchsgegner nach. Seit 11. März 2013 gilt in der EU nun ein generelles Vermarktungsverbot von Kosmetika, deren Inhaltsstoffe (nach dem 11. März) in Tierversuchen getestet wurden, egal wo.