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Naturkosmetik-Wissen

„Tierversuche sind oft nicht auf den Menschen übertragbar“

Hintergrund, Tierversuche, Interview, ohne Tierversuche

Wir haben Dr. Irmela Ruhdel vom Deutschen Tierschutzbund gefragt, was das Tierversuchsverbot für Kosmetik tatsächlich gebracht hat. // Interview: Leo Frühschütz

Jährlich sterben drei Millionen Tiere in deutschen Laboren. Bringt da das Tierversuchsverbot für Kosmetik überhaupt etwas?
Ja. Wir haben über 30 Jahre lang für dieses Verbot gekämpft. Diese Kampagne hat die Debatte um Tierversuche in der Öffentlichkeit befördert und weit über die Kosmetik hinaus Wirkung gezeigt.

Inwiefern?
Es war das erste Mal, dass in einem Gesetz ein Vermarktungsverbot verknüpft mit einem Tierversuchsverbot verankert wurde. Das hat Wellen weit über die EU hinaus geschlagen und auch in anderen Ländern viel bewegt. Angekündigt hat die EU das Verbot ja bereits 1993 und damit die Entwicklung tierversuchsfreier Methoden entscheidend angestoßen. Die Kosmetikindustrie stand enorm unter Druck und hat sich daraufhin mit Personal und Geldern stark in diesem Bereich engagiert.

Doch trotz tierversuchsfreier Methoden sterben jedes Jahr mehr Versuchstiere.
Im Bereich der Chemikalienprüfung nimmt die Zahl langsam ab. Doch der größte Teil der Tiere wird in der Grundlagenforschung und in der medizinischen Entwicklung getötet. Dort steigt vor allem der Verbrauch an gentechnisch veränderten Tieren. Ihr Anteil liegt inzwischen bei 25 Prozent.

Genmanipulierte Versuchstiere?
Ja. Dabei handelt es sich vor allem um Mäuse, deren Erbgut so verändert wurde, dass sie zum Beispiel besonders krebsanfällig werden oder leicht Diabetes bekommen – und daran dann qualvoll sterben.

Und solche Versuche sind erlaubt?
Die Versuche dürfen nach dem deutschen Tierschutzgesetz nur genehmigt werden, wenn – so wörtlich –‚ die zu erwartenden Schmerzen, Leiden oder Schäden im Hinblick auf den Versuchszweck ethisch vertretbar sind. Doch bei der Genehmigung wird der Sinn dieser Tierversuche viel zu wenig hinterfragt. Was mehr zählt als das Leid der Tiere ist das Forschungsinteresse.

Und die Hoffnung auf hilfreiche Erkenntnisse.
In der Öffentlichkeit ist leider immer noch stark verankert, dass es ohne Tierversuche auch keinen medizinischen Fortschritt gäbe. Auf den Wissenschaftsseiten der großen Zeitungen lesen die Menschen ständig unkritische Beiträge, was sich aus Tierversuchsstudien wieder für neue Ansätze ergeben haben, um Krebs, Herzinfarkt oder andere gefährliche Krankheiten zu bekämpfen.

Und dem ist nicht so?
Immer mehr Studien untersuchen im Rückblick, was Tierversuche gebracht haben. Sie zeigen, dass die Versprechen, die sich aus den Versuchen ergaben, oft nicht eingehalten wurden. Es gibt auch zahlreiche Arbeiten, die die mangelnde Übertragbarkeit von Tierversuchen auf den Menschen belegen. Eine aktuelle Studie ergab, dass Mäuse ein anderes Immunsystem haben und die Entzündungsreaktionen bei ihnen anders ablaufen als beim Menschen. Eigentlich müsste man die Erkenntnisse aus allen Tierversuchen, die in diesem Bereich eine Übertragbarkeit auf den Menschen voraussetzten, in die Tonne klopfen.

Dr. Irmela Ruhdel

 

 

Dr. Irmela Ruhdel ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Akademie für Tierschutz des Deutschen Tierschutzbundes. Sie setzt sich seit Langem für das Wohl der Labortiere ein.