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Naturkosmetik-Wissen

Triclosan: keimfrei, aber krank?

© istockphoto
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Der Bakterienkiller Triclosan ist seit Jahren umstritten. Doch immer noch darf die Chemikalie in einigen Kosmetika eingesetzt werden. Auch zur Desinfektion ist sie zugelassen – noch. // Leo Frühschütz

Die Chemikalie Triclosan hat ein ellenlanges Sündenregis- ter: Sie schädigt im Tierversuch Leber und Herzmuskeln, steht im Verdacht als Hormon zu wirken, ist sehr giftig für Fische, Wasserflöhe und Algen, reichert sich in der Umwelt und der Muttermilch an, kann mit giftigen Dioxinen verunreinigt sein und „hilft“ Bakterien, resistent gegen bestimmte Antibiotika zu werden.

Umso erstaunlicher, dass der Stoff seit den 70er-Jahren in vielen konventionellen Produkten enthalten ist: in Desinfektionsmitteln für Arztpraxen und Kliniken, in Deo, Zahnpasta, Mundwasser und Seife, bis vor kurzem auch in Socken oder Sportwäsche. Überall dort soll Triclosan Bakterien und Pilze abtöten. Das erledigt das Biozid auch zuverlässig – allerdings eben mit beträchtlichen Nebenwirkungen.

Triclosan in Muttermilch

Die sind seit langem bekannt. Schon 1974 stufte die amerikanische Lebensmittelbehörde FDA die Chemikalie wegen möglicher Leberschäden als gesundheitlich bedenklich ein. 1980 thematisierte die US-Umweltbehörde EPA, dass Triclosan mit giftigen Dioxinen verunreinigt sein kann, die bei der Herstellung entstehen. Doch passierte zunächst nichts.

Erst als 2002 unabhängige Forscher Triclosan in Seen, Fischen und schließlich in der Muttermilch nachwiesen, begann die öffentliche Diskussion. Ausführlich beschrieben hat das der Schweizer Chemiker Harald Friedel in seiner Masterarbeit über die Risikobewertung von Triclosan. Sein Fazit: „Die Behörden haben im Fall von Triclosan 40 Jahre lang ihren Auftrag, Mensch und Umwelt vor gefährlichen Substanzen zu schützen, nicht ausreichend wahrgenommen.“ Dann endlich reagierten Behörden und Hersteller.

Gefahr von Resistenzen

Im Jahr 2006 forderte das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) in einer Stellungnahme, den Einsatz von Triclosan vorsorglich auf das unbedingt notwendige Maß im ärztlichen Bereich zu beschränken. Die Experten begründeten das mit der Gefahr einer Resistenzentwicklung. Da gilt es zu unterscheiden: Zur Desinfektion wird Triclosan so hoch dosiert, dass es Bakterien abtötet. In Kosmetika hingegen sind die Mengen niedriger. Dies begünstigt das Wachstum resistenter Erreger, die nicht nur gegen Triclosan immun sind, sondern möglicherweise auch gegen einzelne Antibiotika.

Auch die Experten der EU-Lebensmittelbehörde EFSA stuften den Einsatz von Triclosan in den meisten Kosmetikprodukten als „nicht sicher“ ein. Das führte dazu, dass seither zahlreiche Kosmetikhersteller Triclosan aus ihren Rezepturen strichen.

Für Creme & Co verboten

Schließlich zog die EU nach und verbannte Ende Oktober 2014 das Biozid vor allem aus Produkten, die auf der Haut verbleiben und insbesondere großflächig aufgetragen werden.

Die letzten Cremes und Lotionen mit dem Wirkstoff mussten bis zum 31. Juli 2015 verkauft sein. Seither dürfen „nur noch“ Zahnpasten, Seifen, Deo-Sticks, Duschgels, Gesichtspuder, Abdeckstifte und Nagelreiniger bis zu 0,3 Prozent Triclosan enthalten, für Mundwasser wurde die Grenze auf 0,2 Prozent gesenkt. Denn die potente Substanz wirkt bereits in sehr niedrigen Konzentrationen.

Der Schweizer Organisation Ärztinnen und Ärzte für Umweltschutz (AefU) geht das nicht weit genug. Sie forderte 2014 mit einer Petition: „Triclosan verbieten – sofort“. Im Zuge dieser Initiative suchte sie gezielt nach dem Inhaltsstoff und fand ihn in rund 50 Produkten oft namhafter Hersteller, vor allem in Deo-Sticks sowie einigen Zahncremes und Abdeckstiften. Von der AefU auf ihren problematischen Inhaltsstoff hin angesprochen, erklärten viele Hersteller, künftig auf Triclosan verzichten zu wollen.

Die Zahnpastamarke Colgate Total hingegen setzt weiterhin auf Triclosan. Sie verwendet es, um damit gezielt Bakterien zu bekämpfen, die Zahnfleischerkrankungen verursachen. Wer in der Inhaltsstoffliste danach sucht: Wegen der geringen Menge steht der Stoff dort ziemlich am Schluss.

Industrie ist bedenkenlos

Auch der Industrieverband Körperpflege und Waschmittel IKW legt Wert darauf, „dass Triclosan im Rahmen der europäischen Gesetzgebung als Konservierungsstoff in Kosmetikprodukten zugelassen ist“. Es gebe keine neuen Erkenntnisse, „die die bewährte, sichere Anwendung von Triclosan in kosmetischen Mitteln in Frage stellen könnten.“ Übrigens: Die Vorschriften für Kosmetik gelten nicht für Medikamente. Enthalten ist Triclosan daher zum Beispiel auch in einigen medizinischen Cremes für Neurodermitis-Patienten. Dort soll der Wirkstoff verhindern, dass sich schädliche Erreger auf der kranken Haut einnisten.

Gesunde Hautflora leidet

Für Naturkosmetik war Triclosan schon immer tabu, wie alle chemischen Bakterienkiller. Denn sie töten nicht nur unerwünschte Mikroorganismen ab, sie zerstören auch die natürliche Bakterienflora der Haut. Die sorgt dafür, dass unsere Haut einen leicht sauren pH-Wert aufweist, sodass sich Krankheitserreger dort nicht wohlfühlen.

Manche der nützlichen Mikroorganismen produzieren sogar antibiotische Substanzen, die das Wachstum schädlicher Erreger behindern. Wer also seine Hautflora mit aggressiven Chemikalien aus dem Gleichgewicht bringt, stört den körpereigenen Schutz und kann leichter Hautprobleme bekommen.

Info: Aus Alltagsprodukten verbannt

Für Alltagsprodukte abseits von Kosmetika ist Triclosan ein Auslaufmodell. Im Zuge der EU-Chemikalienverordnung REACH kam der Stoff erneut auf den Prüfstand. Das Urteil: Wegen seiner giftigen Wirkung auf Wasserorganismen und weil er sich in der Umwelt anreichert, berge er ein nicht akzeptables Risiko. Ende September 2015 hat deshalb die EU-Kommission den Einsatz von Triclosan als Biozid stark eingeschränkt. Als Muffelschutz in Socken oder zum Beispiel als Beschichtung für Müllsäcke ist es jetzt nicht mehr zugelassen.

Noch besser: Die Experten haben die Chemikalie als „zu ersetzenden Stoff“ eingestuft. Das macht die Zulassung neuer Produkte damit sehr schwierig. Triclosan darf zwar weiter als Desinfektionsmittel für Hände und Kopfhaut sowie für Oberflächen, etwa in Krankenhäusern, verwendet werden. Die Genehmigung für Desinfektionsmittel ist jedoch auf zehn Jahre befristet. Dann ist es mit Triclosan auf jeden Fall jenseits der Anwendung in Kosmetika in der EU vorbei – falls keine Ausnahmen beschlossen werden.

(© iStock – olegtoka)