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Naturkosmetik-Wissen

TTIP-Abkommen: Bald Blei im Lippenstift?

© istockphoto
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Das Freihandelsabkommen TTIP betrifft auch Kosmetik. Blei im Lippenstift und Teer im Shampoo könnten die Folge sein, wenn sich die USA durchsetzen. // Leo Frühschütz

Der knallrote Lippenstift von Mrs. Miller ist in Amerika der Hit. Den würde Frau Müller auch gern an ihre Kundinnen bringen. Allerdings darf das Lippenrot Blei enthalten – für Mrs. Miller kein Problem, für Frau Müller inakzeptabel, da Blei für Kosmetik in Europa verboten ist. Kommen die beiden ins Geschäft? Kaum vorstellbar, ohne dass eine das Nachsehen hat.

Ebenso unvereinbar sind weitere Positionen der USA und der EU, wenn es um Kosmetik-Standards geht. In der europäischen Kosmetikverordnung sind auf 73 Seiten insgesamt 1378 Stoffgruppen und Einzelsubstanzen aufgelistet, die in Kosmetik nichts verloren haben. Chemikalien, die hochgiftig sind, im Verdacht stehen, Krebs zu erregen oder Ungeborene zu schädigen. Es folgen Kapitel mit Anwendungsbeschränkungen, Allergiehinweisen für Haarfarben und vielen anderen Details.

Sie alle sollen sicherstellen, dass Kosmetika in der EU keinen Schaden anrichten. Selbst das dicke Buch erreicht das oft nicht. Denn in konventioneller Kosmetik dürfen bei uns zum Beispiel immer noch umstrittene Stoffe wie Triclosan oder Azo-Farbstoffe enthalten sein, die Allergien auslösen oder krebsverdächtig sind. Mit ein Grund, weshalb immer mehr Menschen zu Naturkosmetik greifen, die ohne diese Stoffe auskommt.

USA: viel weniger Regeln

Die der Kosmetikverordnung entsprechende amerikanische Regelung ist weitaus schlanker. „In den USA sind nur elf Substanzen per Gesetz verboten“, sagt Nicole Maisch, verbraucherpolitische Sprecherin der grünen Bundestagsfraktion. „In der EU müssen bestimmte Stoffe, beispielsweise alle Konservierungs- und Farbstoffe, ein Zulassungsverfahren mit Sicherheitsbewertung durchlaufen. Alle kosmetischen Mittel werden zentral registriert. In den USA sind weder Registrierung noch Sicherheitstests verpflichtend.“

Unterschiede gibt es auch bei der Deklaration. Sie ist in der EU ziemlich umfassend während es in den USA ausreicht, die Hauptzutaten anzugeben. Allergiehinweise, wie sie die EU bei Duftstoffen und Haarfarben kennt, brauchen US-Produkte nicht. Auch nanokleine Inhaltsstoffe müssen in den USA nicht eigens gekennzeichnet werden.

Kippt das Vorsorgeprinzip?

Kaum vorstellbar, wie das Freihandelsabkommen solch unterschiedliche Regelungen auf einen Nenner bringen will. Dürfte Mrs. Miller am Ende ihre bleihaltigen Lippenstifte trotz EU-Kosmetikverordnung einfach so in Europa verkaufen? Das würden die USA gerne durchsetzen. Sie plädieren für eine gegenseitige Anerkennung der Standards. Was in den USA zugelassen ist, dürfte in der EU verkauft werden – und umgekehrt.

Und sie wollen das im EU-Recht verankerte Vorsorgeprinzip aushebeln. Hierzulande dürfen Behörden einen Stoff reglementieren, wenn der Verdacht besteht, dass er die Gesundheit gefährdet. In den USA braucht es für die Schädlichkeit zuerst einen sicheren Beweis. Weil sie befürchtet, dass die EU-Kommission dem Drängen der USA nachgibt, befragte die Grüne Nicole Maisch die Bundesregierung zu ihrer Position. Deren Antwort: „Auch nach Abschluss eines Freihandelsabkommens zwischen der EU und den USA müssen kosmetische Mittel aus den USA, die auf dem europäischen Markt vermarktet werden, der EU-Kosmetikverordnung entsprechen.“ Die EU-Kommission betonte in einem Positionspapier: „TTIP wird an der EU-Liste mit den 1378 verbotenen Substanzen nichts ändern.“ Aber kann man das glauben?

Industrie gewinnt Einfluss

„Das Ergebnis der Verhandlungen wird ein Kompromiss sein, bei dem beide Seiten Zugeständnisse machen müssen“, sagt Max Bank. Der promovierte Volkswirtschaftler befasst sich als Campaigner bei der Organisation Lobbycontrol mit TTIP. Viele TTIP-Kritiker befürchten, dass der starke Verbraucherschutz in der EU zu diesen Zugeständnissen gehören könnte, zumal er auch der hiesigen Industrie oft ein Dorn im Auge ist. Und die könnte bald noch an Einfluss gewinnen. Denn TTIP sieht auch vor, dass EU und USA stärker mit Wirtschaftsverbänden kooperieren: In einem speziellen Gremium sollen Gesetzesvorhaben von der Chemiepolitik über die Gentechnik bis zu Lebensmitteln gemeinsam diskutiert werden. „Dadurch würde der Druck von Lobbyseite auf Regelungen, etwa für Schadstoffe, noch weit stärker als er jetzt schon ist“, befürchtet Max Bank. Etwa für das anstehende Vorhaben der EU, hormonell wirksame Chemikalien (auch in Kosmetika) genauer zu definieren und gegebenenfalls aus dem Verkehr zu ziehen.

Ob diese Befürchtungen eintreten, lässt sich erst beurteilen, wenn die Verhandlungen abgeschlossen sind. Die entscheidenden Gespräche finden hinter verschlossenen Türen statt. Im Juli 2015 trafen sich die Unterhändler zur zehnten Verhandlungsrunde, ein Ende ist noch nicht absehbar. Der fertige Text müsste dann noch von den EU-Gremien und voraussichtlich auch den Mitgliedsstaaten ratifiziert werden.

Und Mrs. Miller und Frau Müller? Die diskutieren immer noch. Freut sich die Dritte, Frau Naturkosmetik, die das alles nicht betrifft. Sie hat eigene strenge Regeln für ihre zertifizierte Kosmetik aufgestellt, in die sie sich nicht hineinreden lässt.

Info: Tierschutz in Gefahr?

Auch was Tierversuche angeht, gibt es Unterschiede zwischen Europa und den USA: In der EU sind Tierversuche für Kosmetika seit 2009 verboten, sowohl für deren Zutaten wie für fertige Produkte. In den USA gibt es dazu keine Regelungen. Schuppenshampoo, Sonnenschutz oder Zahnpasta müssen dort sogar an Tieren getestet werden. Der Grund: Wegen ihrer Wirkung werden sie als Arzneimittel eingestuft, für die strengere Anforderungen gelten. Tierschützer befürchten, dass das Freihandelsabkommen die EU-Regelungen aufweichen und an Tieren getestete US-Kosmetik auf den Markt kommen könnte.

TTIP-Gegner befürchten auch in anderen Bereichen den Abbau europäischer Standards und kritisieren konzernfreundliche und undemokratische Regelungen wie den Ausbau privater Schiedsgerichte. Hunderte Initiativen machen deshalb gegen TTIP mobil, veranstalten Demos und sammeln Unterschriften. EU-weit haben bisher an die zwei Millionen Menschen unterschrieben – und es können noch mehr werden: www.lobbycontrol.de, www.campact.de, www.ttip-unfairhandelbar.de