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Naturkosmetik-Wissen

Wenn Cremes wie Hormone wirken

© istockphoto
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Hormonwirksame Chemikalien stehen im Verdacht, der Gesundheit massiv zu schaden, vor allem der von Kindern. Sie stecken unter anderem in konventioneller Kosmetik. // Frauke Werner

Wir alle sind im Alltag Chemikalien ausgesetzt, die wie Hormone wirken können. Hormone? Das sind die Botenstoffe unseres Körpers. Sie steuern so wichtige Prozesse wie die Entwicklung zu Mann und Frau, das Knochenwachstum und den Fettstoffwechsel, aber auch unsere Stimmung und die Reaktion auf Angst und Stress.

Zahlreiche Chemikalien können diese komplexen Prozesse stören. Bekannte Beispiele: Phtalat-Weichmacher und Bisphenol A aus Kunststoffen. Mit dem Atem oder durch die Haut gelangen sie in unseren Körper. Viele Studien zeigen, dass solche Umwelthormone zu Krankheiten beitragen, die weltweit immer häufiger werden, darunter Brust- und Hodenkrebs, Fruchtbarkeitsstörungen, Diabetes und Fettleibigkeit sowie Verhaltensstörungen und Lernprobleme bei Kindern.

Kosmetik häufig belastet

Hormonaktive Stoffe stecken nicht nur in Kunststoff, sondern in Pestiziden, in Medikamenten und auch in konventioneller Kosmetik. Von Zahnpasta über Shampoo bis zu Sonnencreme – fast ein Drittel der Produkte ist mit ihnen belas­tet. Einzig Naturkosmetik ist generell frei davon. So die Ergebnisse einer Studie, mit der der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) im Jahr 2013 für Aufregung sorgte. Insgesamt hatte die Umweltorganisation über 60.000 Pflege- und Kosmetikprodukte auf 16 Zutaten hin geprüft, die im Tierversuch nachweislich wie Hormone wirken können. Am häufigsten stießen die Kosmetik-Fahnder auf Konservierungsmittel und chemische UV-Filter. Ausgerechnet Sonnenschutzmittel und Haarwachs – Produkte, die besonders lange auf Haar und Haut verbleiben – waren am häufigsten damit belastet. Auch in vielen Lippenstiften und Lipgloss sind die bedenklichen Substanzen drin.

Bei den hormonaktiven Konservierungsmitteln handelt es sich um sogenannte Parabene. Sie halten vor allem in Produkten mit hohem Wasseranteil wie Shampoo, Duschgel und Bodylotion sowie in Sonnenschutzmitteln Bakterien fern.

Krebs durch Konservierer?

Parabene können über die Haut und den Verdauungstrakt in den Körper gelangen. Sie werden schnell verstoffwechselt und mit dem Urin wieder ausgeschieden. Vermutlich sind es ihre Abbauprodukte, die hormonell wirken können. Der Paraben-Abbau scheint übrigens bei Babys noch nicht so gut zu funktionieren, sodass die unerwünschten Stoffe vermutlich länger im kleinen Körper verweilen als das bei Erwachsenen der Fall ist.

Parabene sind nicht alle gleich riskant. Während Methyl- und Ethylparaben als unbedenklich gelten, können Propyl- und Butylparaben den weiblichen wie den männlichen Hormonhaushalt stören und so die Fortpflanzungsfähigkeit gefährden. Das zeigten Tierversuche und Studien mit Zellkulturen. Letztere lassen auch vermuten, dass bestimmte Parabene der Nervenentwicklung schaden können.

Ob Parabene Brustkrebs begünstigen, wie eine Studie aus dem Jahr 2004 zu erkennen glaubte, ist nach wie vor nicht bewiesen. Überhaupt gibt es bisher viel zu wenige Untersuchungen, um das Risiko dieser Stoffgruppe hinreichend abschätzen zu können.

UV-Filter in Muttermilch

Chemische UV-Filter tauchen vor allem in synthetischen Sonnenschutzprodukten auf. Einzeln oder in Kombination halten sie UV-Strahlung fern. Was viele nicht wissen: Auch in konventioneller Gesichts­creme und in Make-up sind diese Stoffe zu finden, sogar in Lippenstift. In Anti-Aging-Cremes etwa sollen sie der Hautalterung entgegenwirken. Mitunter steht der Lichtschutzfaktor klein auf der Tube, bei manchem Produkt geht nur aus der Inhaltsstoff-lis­te hervor, dass synthetische UV-Filter enthalten sind. Sogar in Parfum sind sie zu finden, um das Produkt vor der Sonnenstrahlung zu schützen.

Chemische Filtersubstanzen werden über die Haut und im Fall von Spray auch über die Lunge aufgenommen. Im Tierversuch mindern sie die Fruchtbarkeit und stören die Entwicklung der Nachkommen. Die Arbeitsgruppe um Dr. Margret Schlumpf aus der Schweiz konnte sie in der Muttermilch von Frauen nachweisen, die Sonnenschutzprodukte und andere Kosmetika mit chemischen UV-Filtern benutzt hatten. Babys können also schon während ihrer frühen Entwicklungsphase damit belastet werden.

Riskanter Hormon-Mix

Alle vom BUND überprüften Stoffe erlaubt die Kosmetikverordnung, für manche, wie bestimmte Parabene, gibt es allerdings Grenzwerte oder andere Einschränkungen.

Das Problem daran: Bei der Risikobewertung wird jede Substanz für sich allein betrachtet. Im Alltag sind wir jedoch meist einem ganzen Hormon-Cocktail ausgesetzt. Schon morgens im Bad greifen wir zu Seife oder Duschgel, Körpermilch, Gesichtscreme und Deo, nicht zu vergessen die Zahnpasta. Gerade jetzt im Sommer kommt im Laufe des Tages meist noch Sonnenschutz hinzu. Zu UV-Filtern und Konservierern aus all diesen Kosmetika addieren sich dann noch die hormonellen Schadstoffe aus anderen Alltagsprodukten. Deren Wirkung kann sich wechselseitig verstärken.

Dadurch sind besonders Ungeborene, Säuglinge und Kleinkinder gefährdet. Wenn hormonaktive Substanzen in sensible Phasen ihrer Entwicklung eingreifen, kann das zu bleibenden Schäden führen. Oft zeigen sich die Folgen jedoch erst Jahre später.

Und damit nicht genug: Hormonaktive Stoffe reichern sich in der Umwelt an und schaden dort auch den Tieren. So zerstören Sonnencremes mit ihren synthetischen UV-Filtern weltweit die Korallenriffe. Umwelthormone beeinträchtigen auch die Fortpflanzungsfähigkeit von Fischen und Amphibien. Nicht umsonst bezeichnet die Weltgesundheitsorganisation WHO sie denn auch als „globale Bedrohung“.

Warum werden solche Stoffe dann nicht verboten? Lesen Sie dazu unser Interview mit Ann-Katrin Sporkmann, Chemikalienexpertin beim BUND.

Info: So kann ich mich schützen

Mit der ToxFox-App des BUND können Sie Pflegeprodukte direkt im Laden auf hormonwirksame Inhaltsstoffe überprüfen. Einfach mit der Kamera den Strichcode scannen, schon kommt die Auskunft. Die kostenlose App deckt bereits mehr als 83.000 Artikel ab. Auch online ist der Kosmetik-Check möglich: www.bund.net/themen_und_projekte/chemie/toxfox_der_kosmetikcheck/kosmetikcheck_online

Sie möchten selbst aktiv werden, damit Umwelthormone aus Kosmetika verschwinden? Schicken Sie eine Protest-E-Mail an die Hersteller belasteter Produkte! Auch das ist von der ToxFox-App und -Website aus möglich. Rund 85.000 VerbraucherInnen haben das bereits getan – mit Erfolg: Die Babymarke Penaten setzt seit Mitte Juli 2014 nach eigenen Angaben keine Parabene mehr ein. Und: Die Anzahl der belasteten Produkte ist ein Jahr nach dem Start der App im Juli 2013 leicht zurückgegangen.

Wer auf Nummer sicher gehen will, verwendet zertifizierte Produkte aus der Naturkosmetik. Die sind garantiert frei von hormonaktiven Chemikalien.