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Naturkosmetik-Wissen

„Wir fordern ein Verbot für alle Stoffe, die hormonaktiv sind“

Wann gilt ein Stoff als hormonschädlich? Der Streit darum verzögert die gesetzliche Regelung. Ann-Katrin Sporkmann vom BUND erklärt die Hintergründe.

Gibt es für hormonschädliche Stoffe bisher keine Regelungen?

Grundsätzlich werden viele Substanzen durch die Chemikalienverordnung REACH reglementiert. Da hormonell wirksame Stoffe bisher nicht als eigenständige Stoffgruppe definiert sind, können sie momentan aber weder dort noch in der Kosmetikverordnung reguliert werden. Das ist jedoch dringend erforderlich. Denn neue wissenschaftliche Erkenntnisse bringen hormonaktive Chemikalien mit zahlreichen Gesundheitsproblemen in Verbindung. Dazu gehören bestimmte Krebsarten, Diabetes und Verhaltensstörungen.

Bereits im Jahr 2013 sprach das EU-Parlament davon, die Bevölkerung besser vor hormonwirksamen Substanzen zu schützen. Weshalb ist noch nichts passiert?

Das liegt vor allem daran, dass es bisher keine klare Definition gibt, wann eine Substanz als hormonschädlich anzusehen ist. Darüber streiten Umweltverbände, Industrie, Politiker und Wissenschaftler schon seit längerem. Ohne Definition aber ist keine Einschränkung, kein Verbot eines Stoffes möglich. Die Industrie verzögerte den Prozess zusätzlich, indem sie auf einen Folgenabschätzungsbericht drängte. Der bezieht allerdings nur die Kosten mit ein, die ihr entstünden, wenn die Stoffe verboten würden. Nicht berücksichtigt sind die Gesundheitskosten, die hormonell wirksame Chemikalien schon jetzt verursachen. Laut einer aktuellen Studie des Nordischen Ministerrats sind das mehrere Hundert Millionen Euro, allein durch Schäden an den männlichen Fortpflanzungsorganen.

Welche Position vertreten Umweltverbände wie der BUND und Verbraucherschützer?

Wir sind der Ansicht: Grenzwerte machen bei hormonell wirksamen Chemikalien keinen Sinn. Tatsächlich können sogar sehr geringe Dosen besonders problematisch sein. Entscheidend ist der Zeitpunkt, zu dem sie im menschlichen Körper wirksam werden. Föten im Mutterleib und Kleinkinder befinden sich noch in der Entwicklung und sind daher besonders stark gefährdet. Zahlreiche Studien belegen das. Deshalb sollten alle Chemikalien, die wie Hormone wirken können, nach dem Vorsorgeprinzip verboten werden.

Was hält die chemische Industrie auf der anderen Seite dagegen?

Die Industrie ist der Meinung, dass es bei hormonschädlichen Stoffen sehr wohl möglich sei, Grenzwerte zu definieren, unterhalb derer man sie sicher verwenden könne. Wo diese Grenzen liegen, müsste allerdings im Einzelfall für jede Substanz getestet werden. Das kann Jahre dauern.

Im Zuge der Entscheidungsfindung gab es eine öffentliche Konsultation der EU. Mit welchen Forderungen hat sich der BUND beteiligt?

Gemeinsam mit rund 25 Organisationen aus ganz Europa haben wir einen Appell an die Entscheidungsträger auf EU-Ebene veröffentlicht. Darin fordern wir unter anderem die Aufstellung eines Zeitplans mit konkreten Zielen, bis wann welche hormonell wirksamen Stoffe ersetzt werden müssen.

Die Konsultation lief bis Mitte Februar. Wie war die Beteiligung?

Unser Anliegen wurde von mehr als 20.000 EU-Bürgern unterstützt. Das ist ein gutes Ergebnis in Anbetracht des komplexen Sachverhalts.

Ann-Katrin SporkmannWann ist nun mit einer Definition für hormonaktive Stoffe zu rechnen, was heißt das für Kosmetika?

Vermutlich im Sommer 2015. Fällt sie streng aus, könnte das bedeuten, dass hormonell wirksame Stoffe, die zum Beispiel aktuell in Kosmetik zum Einsatz kommen, zukünftig nicht mehr eingesetzt werden dürfen.

 

Ann-Katrin Sporkmann, Diplom-Ingenieurin für Landschaftsplanung, arbeitet seit fünf Jahren für den Schutz von Mensch und Umwelt vor gefährlichen Chemikalien beim BUND. www.bund.net